„Spirituals To Swing“ Teil 2

„Spirituals to Swing“ 1938/39

img_20161116_184230_webWie bereits in meinem letzten Eintrag erwähnt, finden sich (fast) alle Einzelheiten über die beiden legendären Konzerte im Wikipedia und in den Linernotes der 3CD-Box. Es gibt also im Prinzip keine Notwendigkeit, weitere Details nieder zu schreiben; dennoch erlaube ich mir einige Anmerkungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Mitschnitte selbst sind nahezu sakrosankt; ich kenne niemanden, der deren historische und künstlerische Qualität geringschätzt.

Die Vision des Veranstalters John Hammond war es, die „Musik die niemand kennt“ einem breiten Publikum zu präsentieren. Als selbst profunder Kenner und Liebhaber der „schwarzen“ Musik hatte er Zugang zu allen Auftretenden resp. deren Managements und konnte Bands und Musiker nahezu im Alleingang engagieren. Es war ihm bewusst, dass das Konzert vom 23. Dezember 1938 nicht ohne eine Reihe von Risiken zu veranstalten war. Sponsoren und Unterstützer waren nicht leicht zu finden; lediglich einige „linksorientierte“ Betriebe und Organisationen waren dazu bereit.

Es war auch nicht abzuschätzen, inwieweit weiße potenzielle Besucher bereit sein würden, den Konzertsaal mit schwarzen Musikliebhabern zu teilen. An Farbige Tickets zu verkaufen, würde im liberalen New York vielleicht akzeptiert werden; im Süden wäre Hammond mitsamt seinen nicht weißen Musikern wahrscheinlich geteert und gefedert worden; tatsächlich waren Afroamerikaner im Publikum bei weitem in der Minderzahl. Vom Programm her war es ungewiss, ob das 1938 „swingverückte“ Publikum etwas anderes als Swing hören wollten. Boogie Woogie war zwar bereits von Kansas City her übergeschwappt und hatte seine Liebhaber; traditioneller „Dixieland“ ebenso, aber Spirituals und Blues? Hammond jedenfalls scheint selbst überrascht und höchst erfreut gewesen zu sein, dass die nicht gerade kleine Carnegie Hall nicht nur ausverkauft, sondern mit etwa 300 zu viel vergebenen Eintrittskarten überfüllt war. Ein Teil der Besucher musste/durfte auf der Bühne neben und hinter den Auftretenden Platz nehmen – es soll chaotisch zugegangen sein.

Die Gedanken an einen Abend mit „Musik die niemand kennt“ hatte ihn schon lange beschäftigt und begeistert, und dieser hätte eigentlich schon zu Lebzeiten Bessie Smith’s stattfinden sollen. Wegen deren Ableben 1937 wurde ihr das Konzert kurzerhand posthum gewidmet.

Man kann davon ausgehen, dass der laut Programm vorgesehene Ablauf tatsächlich weitgehend, aber nicht penibel eingehalten wurde. Weder die 1959er Vinyledition noch die CD-Box geben darüber Auskunft. Laut Programmheft wurde zu Beginn ethnische Musik aus Westafrika und je ein Stück von Bessie Smith und Robert Johnson gespielt, alle von Schallplatten. Mitchell’s Christian Singers fingen mit dem offiziellen Programm an und sangen a capella. Diese Spiritualgruppe hatte zwar in New York schon viele Schallplatten aufgenommen, die sich aber nur lokal in deren Heimatstaat verkaufen ließen, in New York kannte sie praktisch niemand. Hammond hatte die vier Herren aus North Carolina dortselbst kennengelernt und prompt engagiert. „Sister“ Rosetta Tharpe war die Nächste, begleitet von Albert Ammons; ihre beiden Lieder fehlen auf der Vinyledition. In der Abteilung Blues begann das „Harmonica Playing“ Sonny Terry’s, der anstatt seinem Gitarrepartner Blind Boy Fuller auftrat, weil der im Gefängnis saß, nachdem er seine Ehefrau ins Bein geschossen hatte. Die angekündigte Sängerin Ruby Smith, Bessie Smith’s angeheiratete Nichte, soll zwar aufgetreten sein, fehlt aber auf beiden Tonträgern. Es folgte Big Joe Turner mit seinem Partner Pete Johnson, bevor Big Bill Broonzy die Bühne betrat, der an Stelle des als erste Wahl vorgesehenen, aber statt dem im August 1938 unerwarted weggestorbenen Robert Johnson verpflichtet worden war. Ebenfalls als Blueser wurden Jimmy Rushing und Helen Humes angesagt, beide von Basie Kleingruppen begleitet, also wieder „leichtere Kost“ für das Publikum. Das Finale vor der Pause bestritten die „Kings of Boogie Woogie“ Meade Lux Lewis, Albert Ammons und Pete Johnson, teils solo, teils begleitet vom Bassisten Walter Page und Schlagzeuger Jo Jones.

Im zweiten Teil kam der überwiegende Teil der Besucher voll auf seine Rechnung, es wurde nämlich ausschließlich Swingmusik gespielt. Die Count Basie Bigband, Basie’s Blue Five und The Kansas City Six begeisterten ein enthusiastisches Publikum; auch Helen Humes und Jimmy Rushing wurden nochmal auf die Bühne gebeten, diesmal allerdings nicht als Bluessänger.

Den Entschluss, das Konzert ein Jahr später neuerlich in die Carnegie Hall zu bringen, dürfte Hammond auf Grund des großen Erfolgs schon bald gefasst haben. Dieses fand am Heiligen Abend 1939 statt und war vom Ablauf her dem Vorgänger ähnlich. Den Gospelpart übernahm diesmal das Golden Gate Quartet, für Blues waren wieder Broonzy und Terry, dazu aber auch die routinierte Sängerin Ida Cox, die schon seit 1923 Schallplattenaufnahmen eingespielt hatte, zuständig. Der Solopart am Klavier war James P. Johnson mit zwei Stücken im für ihn typischen Stride Stil vorbehalten; die Boogie Pianisten waren auch wieder dabei, sind aber auf LP und CD nur als Sidemen zu hören. Eine neue Dimension tat sich durch die der Verpflichtung Benny Goodman’s   mit seinem Sextett auf, da damit auch  weiße Musiker auf die Bühne kamen. Die Kansas City Six spielten in gleicher Besetzung wie im Vorjahr, allerdings statt Eddie Durham mit dem gefeierten Elektrogitarristen Charlie Christian, der ohne vorherige Absprache mit dessen Bandleader „ausgeborgt“ worden war. Dies führte zu einer heftigen Kontroverse zwischen Hammond und Goodman, der daraufhin an der finalen Jam Session aus Protest nicht teilnahm.

Wenn man davon ausgeht, dass jedes der beiden Konzerte etwa 3½ Stunden gedauert hat, so steht fest, dass sie bei weitem nicht zur Gänze mitgeschnitten wurden, denn die drei CDs haben zusammen insgesamt eine Spieldauer von weniger als 170 Minuten und enthalten das gesamte verfügbare Material.

Das Magnetofon war zwar bereits erfunden und in Europa auch schon für Konzertaufnahmen eingesetzt worden, in der Carnegie Hall gab es damals  jedoch nur die herkömmliche Aufnahmetechnik in Form von Azetatschallplatten („Lacquer Discs“). Hammond verwendete also diese, um die Abende „für seinen persönlichen Gebrauch“ mitzuschneiden. Diese äußerst empfindlichen Tonträger scheint er privat des Öfteren abgespielt zu haben, ehe er sie 1953 auf ein Tonband übertrug. Erst später trat  die Firma Vanguard Records an ihn heran, ihr die Aufnahmen zur Veröffentlichung zu verkaufen, und so kam 1959 das legendäre Doppelalbum auf den Markt. Presslizenzen wurden in verschiedenen Ländern an verschiedene Labels vergeben.

Wieso für den Vertrieb in Österreich ausgerechnet die Österreichische Schallplatten AG auserkoren wurde, ist mir nicht bekannt. Welcher umtriebige Vertreter dafür sorgte, dass das Doppelalbum ausgerechnet in dem kleinen Elektrogeschäft landete, wo ich es 1960 kaufte, weiß heute auch niemand.

Die Tonqualität ist so gut, wie sie halt sein kann. Nebengeräusche waren schon in der 1959er Edition weitgehend eliminiert. Mehr als auf den ursprünglichen Azetaten drauf war, konnte weder modernste Technik noch die besten Ingenieure hervorzaubern.

Werner Simon, Nov. 2016          

 

 

 

 

 

 

 

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