Leukämie ist Scheiße! Teil 3

Menschen, Leute und Personen

Dass ich eine großartige Familie habe, wird da und dort bekannt sein.
Allen voran die beste Sissi von allen, die zu ihrer gewohnten Routine auch noch jene Aufgaben zu erfüllen hat, die sonst ich zu verrichten gewohnt bin. Außerdem besucht sie mich zumindest jeden zweiten Tag und versorgt mich mit allem Nötigen. Noch kein einziges Mal habe ich sie klagen oder jammern hören über ihre jetzt noch knappere, stressigere Zeit.
Stiefsohn Norbert, der mit Beruf und seiner drei Monate alten Tochter Mona auch nicht gerade unterbeschäftigt ist, ruft regelmäßig an und kommt so oft es seine Zeit erlaubt. Tochter Regina meldet sich fast täglich telefonisch und erscheint regelmäßig, manchmal auch mit ihrem Freund Allard und frischen Krapfen vom Groissböck.
Sohn Erik ruft täglich an und kommt auch jeden zweiten Tag um mich beim Kartenspiel zu fordern.
Sissi hat vor ein paar Tagen ausgedruckte Mails von Freunden und Bekannten gebracht, ein Stapel A4 Seiten. Außerdem versorgt sie mich mit News aus dem Facebook und Telefonaten. Viele Freunde haben mich persönlich besucht oder angerufen, alle mit Genesungswünschen und Ermutigungen. Obwohl Sissi dies schon getan hat, bedanke ich mich an dieser Stelle noch einmal bei allen.

Die Ärzteschaft vom Professor bis hinunter zum Assistenz/Turnusarzt wirkt überaus kompetent und hält mit nichts hinter dem Berg, ermuntert laufend zu Fragen.
Das Personal von der Reinigungskraft bis hinauf zur Stationsschwester ist durchwegs sehr freundlich, hilfreich und bemüht, man fühlt sich in jedem Fall bestens aufgehoben. Weil ich mir Gesichter schlecht merke und die dazugehörenden Namen noch weniger, erwähne ich niemanden im Einzelnen, alle sind ganz lieb, viele wirken exotisch. Eine Stationshelferin, die für die Ausgabe der Mahlzeiten, das Bettenmachen und noch ein paar andere Verrichtungen zuständig ist, fördert meine gute Laune. Ihrem Dialekt nach ist sie eine waschechte Wienerin, untermittelgroß, kompakt und stattlich; ein paar Kilos weniger wären ihr wahrscheinlich angenehm. In Ehren ergraut dürften bis zur Pensionierung nicht mehr viele Jahre vergehen, aber ich kann ihr Alter schwer einschätzen. Ohne ihr nahetreten zu wollen, Namen weiß ich sowieso keinen, erheitert sie durch ihren eiligen Watschelgang zusammen mit schlenkernden vorwärts/rückwärts Armbewegungen, das schaut richtig lustig aus. Im „Ministery Of Silly Walks“ (Monty Python) wäre sie wahrscheinlich willkommen.
Eines ist Faktum: würden alle MitarbeiterInnen der Station 18i mit Migrationshintergrund von einem Tag auf den anderen nicht mehr erscheinen, so wäre der Betrieb nicht aufrecht zu erhalten. Wahrscheinlich gilt das für das gesamte AKH…
Noch immer konnte mir niemand erklären: warum sind Krankenschwestern Schwestern, aber Krankenbrüder keine Brüder, sondern Pfleger?

Ein Wort noch über meinen Zimmergenossen Rudi D.: Er ist 15 Jahre jünger als ich, lebt im Weinviertel und züchtet Schildkröten, über die ich vieles gelernt habe. Er ist in Biologie sehr beschlagen und steht auch auf alle Arten von Echsen, Schlangen und anderes, das da kreucht und fleucht. Mit Blues und Verwandtem hat er nichts am Hut, ist aber trotzdem ein gescheiter, vielseitig interessierter Mann, mit dem man auf ansprechendem Niveau über vieles reden kann. Sein Krankheitsbild ist dem meinigen ähnlich, im Behandlungsstatus hat er Vorsprung.
Nach den acht Einheiten Chemotherapie habe ich kein Immunsystem mehr und bin höchst infektionsgefährdet. Ebene fünf, wo die größten Menschenansammlungen sind, sollte ich also tunlichst meiden, weil dort wie verrückt herumfliegende Keime nur darauf warten, sich auf mich zu stürzen. Blöderweise ist aber genau dort die einzige Indoor-Raucherzone des gesamten AKH. Während ich über Lösungsmöglichkeiten grüble, flüstert mir eine Schwester zu, ich möge im Aufzugsbereich durch die gelbe Türe gehen, alles Weitere würde ich sehen. Dies sei aber streng geheim, und ich hätte den Tipp keineswegs von ihr. Diesem Rat folge ich und gelange in ein fensterloses Kammerl mit einer weiteren gelben Tür, und dahinter ist das Stiegenhaus. Sofort springen mir Plastikbecher ins Auge, welche ursprünglich mit Wasser gefüllt waren, jetzt aber vor lauter Zigarettenstummeln fast übergehen. Gar so streng geheim ist also das mir anvertraute Geheimnis nicht. An einer Wand wird auf das Rauchverbot hingewiesen, das für das ganze AKH gilt; man möge sich nach Ebene fünf begeben. Man trifft dort naturgemäß immer wieder die gleichen Typen und Schicksale, ich beschränke mich auf einige wenige:
Da ist einmal der bleiche 29-jährige Patient, der mit seiner Freundin/Lebensgefährtin einjährige Zwillinge hat, die er schon lange nicht gesehen hat, weil er schon lange vor mir aufgenommen wurde. Ein fehlender Vorderzahn fällt sofort auf, ist aber sein kleineres Problem. Der Arme hat mehrere, wie er sagt bösartige Abszesse am Schienbein, an der Lunge und nahe dem Herzen. Das Gewächs am Unterschenkel hätte fast zur Amputation geführt, da der Knochen schon ziemlich angegriffen war, das Bein konnte zum Glück aber gerade noch gerettet werden. Mit seinen angeschwollenen Beinen nicht gehfähig sitzt er im Rollstuhl, den er geschickt manövriert und sogar die schweren Türen zum Raucherparadies bewältigt. Den Ven-Flo hat er am Hals, schaut fast aus wie eine Faschingsdekoration. Das Abszess an der Lunge wurde nach Terminverschiebungen erfolgreich entfernt, die Drainagen verursachen ihm Probleme. Das Gewächs beim Herzen muss nicht weggenommen werden(?), dafür wird eine schlecht funktionierende Herzklappe operiert werden. Über jeden noch so kleinen Fortschritt freut sich der junge Mann, hoffentlich kann er ganz repariert werden.
Eine noch sehr junge, ziemlich korpulente Dame erscheint stets in einem unvorteilhaften zuckerlrosa Hausanzug und schaut immer sehr unglücklich und frustriert drein. Was ihr fehlt habe ich nicht erfahren, ursprünglich annehmend sie sei taubstumm. Eines Abends wurde ich eines Besseren belehrt, als sie sich mit einer etwas älteren Frau mit gewaltiger, schwarzer Haarpracht in einer slawischen Sprache angeregt unterhielt. Diese beklagte sich auf Deutsch, dass ihr bereits büschelweise Haupthaar ausgegangen sei… die muss davor einen mächtigen Buschen auf dem Kopf gehabt haben.
Von einem Pfleger wird ein vermutlich aus Exjugoslawien stammender Patient im Rollstuhl hereingeführt. Der hat die vom Wasser geschwollenen Beine in einem Kopfpolsterbezug stecken und hat ein Anstaltsnachthemd an, das große Teile seines Körpers frei lässt. Man sieht überall schwarze Flecken auf der Haut, meist kreisrund von 1Cent bis 2Euro. Er raucht die superleichten John Player Special, die ihn offensichtlich nicht befriedigen, weil trotz heftigem Nuckeln kaum was herauskommt. Achtlos wirft er Asche und Tschick auf den Boden und raucht sich gleich eine zweite an, mit der er auch keine Freude hat. Die landet ebenfalls auf dem Boden, und er kommandiert den Pfleger wortlos zur Abfahrt; grüßen kann er nicht. Als ich wenige Stunden später wieder das Raucherrefugium aufsuche, liegen überall JPS Stummel auf dem Boden. Nein, mit dem Herrn möchte ich nicht zum Heurigen gehen.
Es gäbe ja noch über andere einiges zu berichten, aber da werde ich beim Schreiben depressiv, also lasse ich es lieber.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.