Leukämie ist Scheiße! Teil 2

„Ist’s zu Silvester hell und klar, ist am nächsten Tag Neujahr“

Das ist natürlich ein Schmarren, weil Schlechtwetter den Kalender auch nicht beeindrucken kann. Immerhin ist der 31.12. und es ist legitim, alte Bauernregeln zu zitieren, auch wenn sie ein Blödsinn sind.
Heute also ist es soweit, ich sehe der ersten Chemotherapie nicht gerade gelassen entgegen. So ist das halt – die einen schütten zu Silvester Sekt über den Gaumen, ich krieg´ halt Chemie in die Venen – suum cuique? Weil ich mich in den besten Händen weiß, brauche ich mich nicht zu fürchten, aber immerhin habe ich großen Respekt vor dem, was da auf mich zukommt. Zu viele teils kontroversielle Aussagen habe ich zum Thema schon vernommen, von wilden Raubersgeschichten bis hin zum harmlosen „is´ eh nix“.
Viel Zeit zum Nachdenken ist mir nicht gegönnt, schon kommt eine eifrige Schwester, setzt einen Ven-Flo und nimmt zwei Blutproben. Dann wird mit einer dünnen Kochsalzlösung nachgespült, und eine junge Frau Doktor kommt mit einem Wagerl voller interessanter Sachen. Das Chemotherapeutikum ist eine rote Flüssigkeit (ich sage Campari dazu), die nicht infundiert, sondern mit einer großen Spritze durch den Ven-Flo langsam injiziert wird. Die Ärztin passt genau auf, dass nichts daneben geht, das Gift könnte sonst Schaden anrichten. Anschießend werden zwei kleine Beutel mit farblosen Flüssigkeiten (ich nenne sie respektlos Stolichnaja resp. Bacardi) als Infusion hintereinander eingebracht. Zu guter Letzt kriege ich noch einen großen Beutel mit Kochsalzlösung samt 6% eines isotonischen Safterls, das ich Red Bull taufe, und das eine Stunde lang tröpfelt.
Der Stolichnaja soll dafür sorgen, dass mir nicht schlecht wird, und der Bacardi ist ein Antibiotikum; das Red Bull dient der Nachspülung der Blutbahn. Reaktion gibt es zunächst keine, war auch nicht zu erwarten. Bemerkenswert ist mein flüssiges Ausscheidungsprodukt: es schillert in lebhaften Rot- bis Orangetönen. Zwei Tage noch bekomme ich diesen Cocktail, dann wird fünf Tage lang der Campari durch ein anderes Chemotherapeutikum ersetzt und der Stolichnaja fällt ersatzlos weg. Wenn ich programmgemäß reagiere, so wird mein Blutbild nachhaltig zertrümmert, die Thrombozyten gehen idealerweise auf null zurück, aber auch Leukozyten und Blutplättchen werden minimiert, so dass voraussichtlich eine oder mehrere Transfusionen erforderlich werden.
Mein Immunsystem wird dann nicht mehr vorhanden und ich höchst anfällig gegen jede Art von Keim sein. Prof. Jäger meint, ich werde nach den insgesamt achtmaligen Giftgaben irgendwie reagieren; falls ich Fieber kriege, so ist dies zu 80% eine Reaktion auf die Therapie, und zu 20% eine Infektion. Also schau ma mal!
Erst als ich mit Sissi, Regina und deren Freund Allard Kaffee beim Starbucks hole, merke ich leichten Brechreiz; ohne den Stolichnaja hätte ich vielleicht gekotzt. Gegen 22h fährt die beste Sissi von allen heim, ich schaue fern bis Mitternacht und danach auf das Panorama aus dem 18. Stock, bei dem ganz Wien von Feuerwerk hell erleuchtet ist.
Mir tun unsere Hunde leid! Als wir um ½ 1 telefonieren schwingt in ihrer Stimme starke Emotion mit…

7 Kommentare

  1. Lieber Werner!
    Weiterhin Alles Gute und dass die verabreichten „Cocktails“ gute Wirkung zeigen! *Daumendrück* von Jos und Martina

  2. Lieber Geburtstagspartner,
    Du packst das, auch wenn es manchmal schwer ist/wird und Emotionen hoch kommen, mit denen Du nicht gerechnet hast. Es wird alles sicher gut ☺ Dicke Bussi und bis bald Sylvia

  3. Alles Gute, lieber Werner, damit dein Leben bald wieder in normale Bahnen kommt! Diese Krankheit braucht halt viele Kontrollen. Möchte dir nur mitteilen, daß meine Mutter vor mittlerweile mehr als 7 Jahren ebenfalls gegen Leukämie behandelt wurde. Es war eine schwere Zeit, aber die Kontrolltermine wurden immer länger, sie ist mittlerweile im 91. LJ. und wir hoffen, daß es weiter gut geht – und dies wünschen wir dir auch ganz herzlich!
    Liebe Grüsse Irene & Leopold

  4. Lieber Werner, wir werden Dich heute Abend vermissen! Natürlich werde ich Deine illustre Cocktailrunde mit Gin und Tonic erweitern und ich wünschte der eine oder andere Song würde von der Spittelau bis zu Dir schallen….da würd uns aber dann wahrscheinlich die Sissi die Wascheln lang ziehen…und so schicke ich Dir Zuversicht und Durchhaltevermögen und freu mich auf ein Wiedersehn. Alles Liebe Meena

  5. Liebe Freunde, ich bedanke mich herzlich für eure Genesungswünsche und euren Mutzuspruch. Bisher ist der Therapieverlauf „lehrbuchmäßig“, also bin ich zufrieden, auch wenn es mir hie und da physisch und/oder psychisch scheiße geht.
    Vielleicht krieg ich nächste Woche ein bissl „Heimaturlaub“, da habe ich schon wieder eine Perspektive!

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