Leukämie ist Scheiße! Teil 6

„I’m Beginning To See The Light” (Duke Ellington, 1944)

Ab Montag, dem 12. Jänner, passiert wenig zu Berichtendes, die tägliche Routine greift Platz. Fieber messen, Blutdruck und Puls messen, Körperpflege, Frühstück, Blutprobe raus aus der Vene, Antibiotikum hinein in die Vene, dazu der gewohnte Medikamentencocktail. Immunsystem habe ich nach wie vor keines, also ist weiterhin das verbotene Rauchen im Stiegenhaus angesagt statt in der Raucherzone in der fünften Ebene. Bei der Visite durch eine mir noch nicht bekannte Ärztin, die sonst in der Ambulanz arbeitet, fällt mir ein, dass ich noch immer nicht nach dem Typus meiner Krankheit gefragt habe. Dieses Versäumnis nachholend erfahre ich, dass ich „akute myeloische Leukämie (AML)“ habe (wer Details wissen will, einfach googeln, Wikipedia gibt Auskunft).
Der bisherige Verlauf der Chemotherapie sei „lehrbuchmäßig“, wenn weiterhin alles plangemäß einhergeht, sollte Mitte des Jahres alles überstanden sein. Einige Bluttransfusionen und Blutplättcheninfusionen würden noch auf mich zukommen, aber das sei völlig die Regel, um das rote Blutbild zu verbessern und zu stabilisieren. Erik ist anwesend und lauscht andächtig.
Meine Befindlichkeit ist Schwankungen unterworfen, üblicherweise fühle ich mich in der Früh ganz passabel, baue aber im Laufe des Tages ab. Appetit habe ich wenig, die Waage zeigt 69 kg, so wenig habe ich seit der Kindheit nicht mehr gehabt. Der Stoffwechsel ist ganz ok, schlafen kann ich einigermaßen, allerdings nur wenn nicht gerade die Blase zum Pieseln ruft, und das tut sie im Schnitt nächtens zwei Mal bedingt durch die hohe Flüssigkeitszufuhr während des Tages.
Die Familienmitglieder kommen regelmäßig, allen voran wie immer die beste Sissi von allen, die mich mit allem versorgt, das ich brauche. Von ihr erfahre ich auch, dass unsere BLUESimon Konzerte recht gut gelaufen sind, auch Hörproben bringt sie via Smartphone oder USB-Stick mit. Erfreut und dankbar ist sie für die tatkräftige Hilfe und Unterstützung durch Freundinnen, insbesondere Sabine und Conny.
Wenn Regina und Allard kommen spielen wir Qwirkle, das richtig auszusprechen ich mich weigere und einfach Gurkerl nenne; Erik dagegen fordert mich zu Streitpatiencen heraus. Von allen erfahre ich auch persönliche Neuigkeiten, etwa über Eriks Jobsuche und seine bevorstehende Reise ins Skaterparadies Barcelona; Regina und Allard hingegen sind mit der Wohnungssuche so gut wie fertig, jetzt gilt es die Banken zum Herunterlassen der Hose zu veranlassen. Auch sonst gibt es viele Kontakte zur Außenwelt, über zahlreiche Besucher und Anrufer freue ich mich.

Mitte Jänner bekommt mein Zimmer- und Leidensgenosse Rudi D. kurzfristig 38,9 Fieber, und es werden blitzartig geeignete Maßnahmen dagegen ergriffen, die sehr gut wirken, denn wenig später hat er nur mehr 36,5 (!) und schläft bald ein, dabei alle Geräuschregister ziehend. Glücklicherweise ist er eher ein Kurzzeit- denn ein Marathonschnarcher. Apnoe hat er möglicherweise auch.
Am 19. Jänner verlässt er mich, er hat „Heimaturlaub“ bekommen; am 1. Februar wird er wieder einrücken. Als er sich verabschiedet, schaue ich ihm neidvoll nach.Das Ganze geht rasch von statten, weil schon der nächste Patient wartet. Es ist dies Peter S., 73 Jahre alt, nach 50 Arbeitsjahren bei der Post seit 2008 in Pension, war er die letzten 30 Jahre Zentralbetriebsobmann. Ein Hautausschlag im Gesicht hatte eine Blutprobe zur Folge, bei der festgestellt wurde, dass da etwas nicht ok ist – wie auch bei mir war die Diagnose Leukämie ein Zufall…
Ab 21. Jänner bekomme ich zum rascheren Aufbau von Abwehrzellen täglich eine Injektion subcutan in eine Bauchfalte. Bei der Visite wird Heimaturlaub für die kommende Woche in Aussicht gestellt; die Blutwerte sind soweit ok und eine vorübergehende Entlassung scheint vertretbar, allerdings werde ich am darauffolgenden Sonntag noch eine Bluttransfusion bekommen.
Am Montag kommt Dr. Schulenburg ungewöhnlich zeitig am Morgen ins Zimmer und bringt die frohe Botschaft: Ich darf nach Hause und soll am 3.2. wieder einrücken. Wohl wissend, dass das Prozedere bis zum Abgang dauern wird, bitte ich Sissi, nicht vor 15h00 zu erscheinen.

Duke Ellington Orchester, vocal – Joya Sherrill / 1944
I´m Beginning To See The Light

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