Leukämie ist Scheiße! Teil 62

Mehr Downs als Ups…

Wie in Folge 61 angekündigt, setze ich mit Freitag, dem 10. November fort, also mit dem Konzert Günther Straub (p) Peter Müller (d) und angekündigter Weise Hermann Posch (g, vcl). Letzterer konnte den Gig wegen der Genesung nach seiner langdauernden Rekonvaleszenz nicht wahrnehmen. Dankenswerter Weise vertrat ihn spontan Gitarrist und Sänger Herby Dunkel, ebenfalls schon ein „Veteran“ in der Szene, ein großartiger Musiker mit virtuosem Können, Gefühl und einem schier unerschöpflichen Repertoire.
Günther und Herby hatten einander zuvor nie getroffen, geschweige denn miteinander gespielt, was aber für das gegenständliche Konzert keine Rolle spielen würde – derart routinierte Bluesmusiker können immer spontan zusammen musizieren. Für Schlagzeuger Peter Müller ist es sowieso keine Vorgabe, ungeprobt einzusteigen und dem Trio den rhythmischen Background zu verleihen.

Als wir in der Weinbar „Gemischter Satz“ in Grinzing ankamen, waren schon eine Menge Gäste anwesend. Alle drei Musiker umarmten die beste Sissi von allen und mich zur Begrüßung herzlich und schienen sich über unser Kommen wirklich zu freuen.
Die Tonanlage war schon eingeregelt, Instrumente und Stimme kamen äußerst transparent ans Ohr. Alsbald nahm Günther den Soundcheck in Angriff und spielte zu meiner großen Freude James Booker’s Komposition „Go On Gwine“ – es soll nicht verheimlicht werden, dass wir beide große Fans dieses leider längst verstorbenen Pianisten aus New Orleans waren und sind.

Über das Konzert selbst will ich mich wie immer nicht verbreitern, weil ich das bei unseren Veranstaltungen niemals zu tun pflege. Nur so viel sei verraten: neben einigen Solostücken von Dunkel und Straub hatte sich Herby der Titelauswahl des Abends angenommen, von denen Günther offenbar viele Nummern kannte, mühelos begleitete und solierte. Ein durchwegs sehr gelungenes Konzert, das von den Gästen heftig und ausdauernd akklamiert wurde – und mich selbst in meiner höchst unerfreulichen Gesamtkonstitution etwas aufzumuntern vermochte.

Am folgenden Montag, dem 11. Dezember ging der nächste Chemotherapiezyklus „Vidaza“ wieder los, und ich hatte über das Wochenende Zeit und Muße um mich mental vorzubereiten. Es fing schon unerfreulich an, denn ich musste am ersten Tag bis um 10h00 (statt 8h30) auf den Transport warten; wie sich erst nach telefonischer Reklamation herausstellte, hatte der gute Mann in der Leitstelle von SMD meine Vorbestellung nicht oder falsch eingegeben. Man entschuldigte sich wortreich, versprach so schnell wie möglich einen verfügbaren Wagen zu schicken. An den verbleibenden Tagen dieser Woche werde man so pünktlich wie möglich zur Stelle sein. So weit, so schlecht. Shit happens…

Während ich auf Station 18J meine beiden subkutanen Chemobauchstichen brav mit feuchten Tüchern kühlte und danach mit Nachtkerzenöl einschmierte, hatte Sissi eine andere Aufgabe, die ihr ein Bedürfnis war. Sie erwies ihrer langjährigen Musik-Freundin und Konzertbesucherin Uschi Wagner auf dem Wiener Zentralfriedhof die letzte Ehre. Sie war schlussendlich im 58. Lebensjahr von ihrem Krebs unterworfen worden.

Zur mentalen Wiederaufrüstung pilgerte Sissi abends in das „Radio Kultur Cafe“, wo „Sir“ Oliver Mally ein Konzert zusammen dem bayrischen Mundharmonikaspieler Hubert Hofherr spielte. Persönlich konnte ich zustandsbedingt leider nicht teilnehmen, aber dafür fand eine Livestream-Übertragung via Internet statt, auf die ich mich freuen konnte. Die Besetzung erinnerte mich neben anderen sogleich an Sonny Terry und Brownie McGhee, der Abend könnte also bluesig werden. Der Sir fing wirklich mit drei Bluestiteln an, bei denen sich Hubert reichlich einbrachte, für meinen Geschmack zu reichlich. Er trug Riff um Riff, Obligato um Obligato, Solo um Solo bei, alles sehr virtuos, allerdings mit Gefühlsmanko. Danach fand sich Oliver in der Singer/Songwriter Ecke wieder, die ihn kaum mehr ausließ. Die Mundharmonika stolperte von da an eher hilflos umher. Wie auch immer, die Besucher waren zufrieden, die beiden Herren spielten sogar zwanzig Minuten über die Zeit.

Am Freitag, 15. Dezember zum Wochenausklang stand Sissi noch ein trauriger Event bevor: Edmund Fritz, bestens bekannt als „Blues Edi“, der 10 Jahre hindurch das „Stadlblues Chill Out“ Festival mitorganisiert und betreut hatte, konnte seine langdauernde Krankheit nicht besiegen. Am 7. November schloss er im 61. Lebensjahr für immer die Augen, betrauert von seinen Angehörigen und zahlreichen Freunden und Bekannten. Die gesamte Feierlichkeit samt Hl. Messe fand in Hausleiten statt. Mutter Erde nahm den Verstorbenen auf – Ashes to Ashes, Dust to Dust.

Sissi ließ sich die ganze Zeremonie trotz des widrigen Wetters aus alter Freundschaft natürlich nicht entgehen, nach den Kondolenzen und einigen persönlichen Gesprächen fuhr sie aber sogleich heim.  

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