Leukämie ist Scheiße! Teil 61

Norbert-Opa… immer live dabei…

Einer dringenden Empfehlung der besten Sissi von allen treffe ich Norbert-Opa zum Spaziergang lieber in der Praterau als im Drasche-Park, wo ich Jago und Emma verbotener Weise zwar auch frei laufen lasse, immer aber nach Polizisten und keifenden Matronen Ausschau haltend.

Mittlerweile habe ich mir einen Katalog mit „gefährlichen“ Themen eingeschärft, die stereotyp immer wieder dieselben Geschichten Norbert-Opas auslösen: Gerade erst aus dem AKH gekommen zu sein, führt unabdingbar zur „Malaria-Story“; sollte ich eine rauchen, bekomme ich die verlässlich die Reminiszenz an das Jahr 1945 zu hören, als er bei der sogenannten Wehrertüchtigung als einziger 16-Jähriger unter lauter 15-Jährigen schon hätte rauchen dürfen, im Gegensatz zu seinen Kameraden, dies aber nicht wollte. Einen Atemzug später gesteht er, doch auch zur Zigarette gegriffen zu haben, weil das als extrem männlich galt. Wirklich geraucht hätte er allerdings nie.
Wesentlich interessanter aus jener Zeit wäre der Bericht gewesen, als ihm ein russischer Besatzer das Turnen (Liegestütz, Kniebeugen etc.) befahl, „weil jemand geschossen“(?) hatte. Details gibt es nicht, die haben sich im Langzeitgedächtnis ebenso wenig eingegraben wie die Story, als er „stiften ging“(?) und 1945, als knapp 16-Jähriger, die Uniform gegen Privatgewand tauschte, ehe dieses verbrannt werden konnte und sich tagelang in der Praterau versteckt hatte. Ähnliches (nicht das Turnen) berichtete vor Jahren auch mein um acht Jahre älterer und nicht an Alzheimer leidender Vater, aber auch aus ihm waren keine Einzelheiten zu erfahren. Wahrscheinlich wird Unangenehmes generell verdrängt.

Beim Lusthaus…

„I bin von da nie weggekommen“ erzählt er bei jedem Spaziergang in seiner gewohnten Praterau. Immer fügt er hinzu: „Vü fria  hob in Simmering a Eigentumswohnung g’habt, oba des hoit kana wissen dürfen, weil neben ana Gemeindewohnung? Na, des geht goa net! I hobs oba eh gleich wieder verkauft und bin in da Wehlistroß´n blieb´m, und do bin i no imma.“ Nunmehr also blieb das Wetter unser einzig verbliebenes Thema. Es war für ihn immer „angenehm“ – schon kalt, aber erträglich mangels Wind, der richtungselastisch, wenn überhaupt, immer aus Osten kam.

Am Montag dem 6.November war ich gemeinsam mit Norbert-Opa zur Fußpflege angemeldet, die schon seit langem überfällig war, und freute mich, den Termin wahrnehmen zu können. Wieder nahm ich ihn mit und teilte ihm dies tags zuvor mit. Sofort kramte er seine E-Card heraus – Sissi: „Papa, für was brauchst die denn?“ Norbert-Opa: „Na, beim Urologen?“ Ich: “Norbert, wir gehen nicht zum Urologen, sondern zur Fußpflege, dort kann man nur bar bezahlen“. Er: „Woa i dort scho?“ Ich: „Ja natürlich, wir waren gemeinsam dort“. Norbert: „Is des net dort, wo amoi die Scala woa?“ S: „Na, Papa, dort ist der Urologe  – aber zu dem geht ihr diesmal nicht, sondern zur Fußpflege!“ N: „Aso; wann gemma zum Urologen?“ Sissi, schon leicht gereizt: „Papa, du gehst morgen um drei, aber nicht zum Urologen, sondern zur Fußpflege!“ N: „Aha.. wird mich der Werner abholen?“ S: „Nein, du kommst mit der Schnellbahn zu uns, dann fahrt’s ihr gemeinsam hin“ ….. Dieser Trialog dauerte länger und könnte an dieser Stelle noch lange fortgesetzt werden, aber man möchte ja niemanden langweilen.

Norbert-Opa erschien am Montag wie meistens viel zu früh, und wir fuhren rechtzeitig los. N: „Fahren wir jetzt zum Urologen?“ W: „Nein, wir fahren zur Fußpflege!“ N: Ah ja, hast ja eh gsagt – hearst i bin da scho bled!“.
Pünktlich waren wir vor Ort, die Fußpflegerin, Frau Isabella war schon bereit. Sie ist eine bemerkenswerte Dame: Geboren im Iran lebte sie lange Zeit in München, hat sich den dortigen Dialekt angeeignet und ihn nie verloren. Ob sie auch Persisch (Farsi) spricht habe ich nicht hinterfragt. Norbert-Opa war zuerst an der Reihe, also wollte ich mich angesichts der herrschen Temperatur im benachbarten „Peter’s Pub“ auf einen Kaffee setzen, der leider nicht vor vier Uhr öffnet, als wir beide schon wieder fertig waren. Um die Sache nicht zu verkomplizieren, zahlte ich beide Rechnungen, gemeinsam samt Trinkgeld € 60,-. Draußen vor der Tür kramte er auf Aufforderung umständlich seine Geldbörse heraus, nicht ohne die wohlbekannte „imma wü a jeda a Göd von mir“-Miene.

Am nächsten Tag, dem 7.11. war die Wartung unserer Therme auf dem Programm, und ich fuhr in die Wehlistraße auf einen zustandsbedingt leider sehr kurzen Spaziergang mit Norbert-Opa. Mehr als eine halbe Stunde brachte ich nicht zusammen, also gingen sich nicht einmal alle seine Standardthemen aus. Bald war er wieder daheim, und auch ich machte mich auf den Weg. Kein Stau auf der Tangente, auch leider kein Parkplatz in Wohnungsnähe…

Am Mittwoch hatte ich Termin bei meiner Friseurin – die beste Sissi von allen hatte davor schon mehrmals festgestellt, dass es dringend wäre, ich sähe aus wie der „Wuck-Weckerl(?)“. Kennt den wer?

Am Donnerstag, 9.11. war Sissi alleine mit ihrem Vater und den Hundsis lange spazieren, ich fühlte mich nicht im Stande mitzugehen; danach wollte sie zum (ehemaligen) Aspang-Bahnhof (vulgo „Arschbackenbahnhof“) zur Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestages der „Reichskristallnacht“. Die Deportationen von etwa 50.000 jüdischen Wienern hatten bis 1942 von dort aus stattgefunden, zuerst in dritte Klassewaggons, danach in Viehtransportern.

Freitag erlebten wir das Konzert Straub/Müller/Dunkel, mit dem ich die nächste Story einleiten werde. 

 

 

2 Kommentare

  1. Lieber Werner! Du hast wieder sehr erfrischend und mit deinem trockenen Humor geschrieben . Ich hoffe, dass es dir zur Zeit gut geht und freue mich immer schon auf das nächste Kapitel. Sissi und dir herzliche Grüße , Babsi

  2. So schee zu lesen..kanns mir bildhaft vorstellen… was wünsch ich mir…..laaaang geistig fit bleiben ( bitte lieber Gott auch körperlich) und oder ..geduldige liebevolle Umgebung ..na besser Menschen…

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.