Leukämie ist Scheiße! Teil 60

Unser ganz normaler alltäglicher Wahnsinn…

Das Blutbild des 2.11. war nicht vor elf Uhr verfügbar und ließ die Alarmglocke läuten.

Die Roten (also das Hämoglobin) waren mit 8,9 aus dem Ruder – für die taggleiche Bestellung war es leider wie so oft zu spät. Der wahre Knackpunkt aber waren die Gelben (die Thrombozyten), die auf den Wert zwei(!) zurückgegangen und somit praktisch nicht mehr vorhanden waren. Dies war mir natürlich nicht verborgen geblieben und hatte sich mit einem Mund voller Blutbläschen und ordentlich Nasenbluten manifestiert. Der Herr Professor bestellte sofort ein Sackerl voll und gleich für den Folgetag Rote „auf Abruf“. Leider sind Bestellung und Lieferung zwei Paar Schuhe, daher musste ich auf die Gelben bis zum Nachmittag warten, den ich aber eh verschlief, bis mich der für deren Anschluss zuständige Arzt sanft weckte – es war fast drei Uhr geworden. Ehe am nächsten Tag das vorbestellte Blut infundiert wurde, war noch eine weitere Kontrolle auf dem Programm – die Roten waren weiter bis auf acht abgesunken, die Gelben zeigten den Wert 21. Ungerührt vom Verhalten der Roten und Gelben bewegen sich die Leukozyten (die „Weißen“) seit Tagen nicht und bleiben konstant über fünf, leider mit mehr als 40% Blasten-Anteil.

Am Samstag, dem 4.November hatte Sissis erstgeborener Sohn Norbert seinen vierzigsten Geburtstag und zwar exakt um 10Uhr20, Sissi erinnerte mich rechtzeitig, ihn genau zu seiner Geburtsstunde anzurufen und zu gratulieren….
Aus diesem Anlass richtete Norbert an diesem Tag eine kleine Feier in einem Café aus, mit dessen Inhaber er seit langem befreundet ist. Es wurden enge Freunde eingeladen, dazu auch seine Halbgeschwister Regina und Erik. Letzterer kündigte noch im Weggehen an, er würde das Fest gegen 11h30 verlassen, um noch ein Konzert zu besuchen.

Die beste Sissi von allen hatte die Nacht nochmals im Garten verbracht um etwas Ruhe zu genießen und ihre Arbeiten Sonntagfrüh zu vollenden…. vormittags teilte sie mir telefonisch mit, sie sei von Erik um drei Uhr morgens zwei Mal angerufen worden, habe aber zu der für beide ungewöhnlichen Tageszeit das Handy nicht gehört. Naturgemäß dachte sie sofort an das Schlimmste, hatte keine Ruhe mehr, konnte ihn aber erst viel später erreichen, nach etlichen Versuchen hob er endlich völlig verschlafen ab.
Sie erfuhr nur, DASS etwas passiert war, er sei aber noch nicht in der Lage zu sprechen und irgendwas mitzuteilen. Erst gegen Mittag tauchte er zu Hause auf und zeigte uns die Folgen seines „Unfalls“ – die zwei oberen Schneidezähne waren abgebrochen und die Lippen blutig aufgerissen. Er war gegen 3 Uhr früh im AKH gewesen und dort genäht worden – WAS tat er also im ersten Schock mit dem Mund voller Blut? Er rief die Mama an…

Erik hatte ordentliche Schmerzen, war zornig und das Reden fiel ihm schwer. Erst nach und nach erfuhren wir die Details: Er war beim DJ-Konzert des Herrn H.P. Baxxter ganz auf „hyper hyper“ von der Bühne gehüpft („stage diving“, gar nichts Ungewöhnliches unter der mehr und mehr verblödenden Jugend). Für gewöhnlich werden die Hüpfidioten von den vor der Bühne herum“tanzenden“ anderen Idioten aufgefangen – Erik aber wurde glatt durchgelassen und donnerte mit dem Kopf voran auf den Fußboden. Zwei Bier gibt er zu, die Wirklichkeit werden wir nicht erfahren, wollen sie aber auch nicht wissen, net so genau.

Zum Glück kennt Erik durch Bernhard einen Zahnarzt, sogar einen ziemlich bekannten, gut genug, um ihm sonntags via WhatsApp das Katastrophen-Foto zu senden. Selbst ein Skater und überhaupt Sportler mit großem Verständnis für verrückte Action war dieser spontan zur Hilfe bereit; Erik möge sich gleich am Montag um 13h00 bei ihm einfinden, dann schauen wir weiter.

Der bei uns anwesende Bernhard machte sich sofort erbötig, den kleinen Bruder zu seinem alten Freund zu begleiten. Beide gingen rechtzeitig zur U-Bahn, um nicht zu spät zu kommen. Nach einer herzlichen Begrüßung wurde gleich mit der notwendigen Behandlung begonnen, die mehr als drei Stunden in Anspruch nehmen würde, denn Erik kam erst am Abend zurück. Die abgebrochenen Schneidezähne resp. deren Wurzeln wurden geröntgt, um den Zustand der Nerven zu überprüfen. Dann wurden sie künstlich aufgebaut, der Herr Doktor ist offenbar auch ein begnadeter Bildhauer, denn das Ergebnis war den Originalen sehr ähnlich. Ob die Zähne auch halten werden, wird man erst später feststellen können. Erik bekam noch eine Anzahl Schmerzmittel mit; er möge sich melden, sobald die Lippen abgeheilt sind und ihn nicht mehr belästigen. An den folgenden Tagen ernährte er sich  flüssig (Suppen, nicht Bier), und die Abheilung stellt sich nun nach und nach ein.

Von einer Bühne auf Leute zu springen dürfte in Zukunft keine Option mehr sein….

Noch am Samstag zuvor hatte ich natürlich Sissis Auftrag getreulich erledigt und Norbert genau um 10h20 angerufen. Prompt landete ich in seiner Mobilbox, der ich bewusst den Glückwunsch verweigerte, weil DIE ist ja nicht vierzig geworden. Er selbst war mit Tochter Mona spazieren und rief mich erst später zurück, um meine Gratulation entgegen zu nehmen.      

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