Leukämie ist Scheiße! Teil 59

„Fatigue“

Die mündliche Deutschprüfung Eriks war zwar sehr positiv ausgefallen, weil aber die vorangegangene schriftliche Arbeit überhaupt nicht bewertet werden konnte – er hatte so gut wie nix hingeschrieben weil er mit starker Verkühlung und Fieber hingegangen war – half dies nicht, er wird im Jänner neuerlich antreten müssen.

Am 22. Oktober fand eine kollektive Feier anlässlich zweier Geburtstage im Hause Simon statt, bei der erstmals seit langem wirklich alle Familienmitglieder anwesend waren. Die beste Sissi von allen hatte einen herrlichen Rindsbraten ins Rohr gezaubert; zum Kaffee gab es ihre schon legendäre „Panamatorte“, eine Mehlspeise ohne Mehl, dafür mit viel Zucker, Schokolade und Mandeln, selbstverständlich diätfreundlich, kalorienreduziert, Cholesterin nur in Spuren vorhanden.
Star des Tages war natürlich Enkelin Mona, die offensichtlich gut ausgeschlafen bestens aufgelegt war und mit ihrem kindlichen Charme und ihrer guten Laune wieder alle in ihren Bann zog.
Nachdem mit Norbert-Opa der letzte Gast gegangen war, spürte ich wieder jene bleierne Müdigkeit, die ich wie immer dem noch bis Mittwoch andauernden Zyklus Vidaza zuschrieb.

Am Montag, 23.10. fand ich in Station 18J während meiner ausgedehnten Wartezeiten verschiedene Broschüren vor, darunter eine der deutschen Krebshilfe mit dem Titel „Fatigue, chronische Müdigkeit bei Krebs“, die sofort meine Aufmerksamkeit auf sich zog. „Unter den zahlreichen Symptomen finden sich darin unter anderen Müdigkeit, Lustlosigkeit und Schwäche. Das Besondere an Fatigue (sprich Fatieg) ist, dass sich die Erschöpfung nicht durch normale Erholungsmechanismen beheben lässt. Auch Schlaf führt nicht zur Regeneration.“  Als Ursachen werden die Erkrankung selbst oder Folgen deren Behandlung (z.B. Chemotherapie) angeführt.

Wie bereits eher erwähnt musste ich mangels Energie und Wohlbefinden das erste „Church on Monday“ Konzert mit Raphael Wressnig auslassen, leider auch den Gig mit Christian Dozzler am Mittwoch im Jazzland…

Am Nationalfeiertag fuhren Sissi und Erik an den Neufelder See zu Norbert-Opas ehemaligen Sommersitz, einerseits um Opas relativ neues Fahrrad zu holen und in unseren Garten zu transportieren, andererseits um zu checken, was sonst noch an nützlichen Gegenständen auf den Abtransport wartete.

Am Freitag, 27.10. fand ich mich in der Ambulanz zur Blutkontrolle ein, auf die ich wieder lange warten musste. Zur Besprechung des Ergebnisses zu Professor Sillaber gerufen stellte dieser fest, mein Blutbild sei insgesamt nicht so schlecht; andererseits wäre es für eine taggleiche Bestellung von Konserven ohnehin zu spät. Es wurden also Erythrozyten für Montag auf Abruf bestellt.
Zum Glück passierte über das Wochenende nichts, es traten keine Blutungen oder andere garstige Phänomene auf, die den Weg in die Notfallambulanz notwendig gemacht hätten.

Am Montag, 30.10. ließ ich mich gleich nach Station 18J bringen, wo ein neuerliches Blutbild auf die Dringlichkeit von Infusionen hinwies. Die Thrombozyten waren auf den Wert zwei(!) abgesunken – es grenzt an ein Wunder, dass da nix Gröberes passiert ist.

Für den 31. Oktober hatte Sissi ein Marathonprogramm vorbereitet. Gleich nach dem Frühstück würden wir mit Emma und Jago ihren Vater abholen und bei Maria Grün in die Prater Au stechen, dort also einen uns schon bestens bekannten Spazierweg gehen – „eh nur bis zur ersten Wasserstelle wegen der Hundsis“ – fügte sie hintan, also eh nur eine überschaubare Strecke. Danach würden wir (vor dem Allerheiligen-Ansturm) zum Zentralfriedhof fahren, auf dem Weg dorthin bei der legendären Ostbahn-Fini Mittagsrast halten. Nach den Gräberbesuchen wäre ihr Vater nach Hause zu bringen und danach bei der Firma BA-Computer in der Oberlaaer Straße ein Gehäuse samt verschiedener Bauteile abzuholen – Sissi war voll Ehrgeiz, meinen neuen PC selbst zusammen zu bauen.
Ob ich mir das alles zutraue, ansonsten möge ich lieber daheim bleiben und Trübsal blasen.

Jetzt war es an mir, mein Resterl Energie zusammen zu kratzen und der Apathie Paroli zu bieten. Also stimmte ich zu, ich werde das schon derpacken; außerdem ist es wichtig für unsere Hundsis und meine Frischluft-Zufuhr. Also hinein ins Auto und flugs in die Wehlistraße, wo Norbert-Opa schon auf uns wartete. Der Weg von der Kirche Maria Grün in Richtung Winterhafen schaute teilweise ziemlich grimmig aus, der vortägige Sturm hatte ganze Arbeit geleistet. Ziemlich große Äste und auch Stämme lagen herum oder hingen planlos in intakt gebliebenen Baumkronen – alles wirkte recht bizarr, irgendwie halloweengerecht.

Jago und Emma war das egal, solange sie frei herumrennen durften und ihre Schmankerl bekamen. Zweimal fanden sich sogar nette Spielgefährten, denen sich Emma ausgiebig widmete. Jago beteiligte sich nicht, er nahm das Recht als Senior in Anspruch und schaute gelangweilt zu.

Chaos in der Au….

War ich zu Beginn unserer Wanderung noch einigermaßen flott unterwegs, so fiel mir bald ein, was für einen Gedankenfehler ich begangen hatte. Die erste Wasserstelle an diesem Weg war beinahe an dessen Ende, dort wo man die Richtung wechselt und eine andere Route zurück nach Maria Grün nehmen kann. Es war an mir, zur Umkehr zu blasen und die ganze Strecke zurück in Angriff zu nehmen, obwohl mich meine Beine schon vehement zur Ordnung riefen.

Zurück beim Auto freute ich mich auf das Sitzen und auf die Ostbahn Fini. Vormals ein Würstelstand hatte sich das Lokal zu einer Art Container-Gasthaus gemausert, mit Speisekarte, Tagesteller und allem Pi-Pa-Po. Sogar eine Art Kellnerin in einem Schmähdirndl machte sich wichtig, nahm Bestellungen entgegen, trug Speisen und Getränke aus und kassierte auch. Sissi blieb bei ihrer geliebten „Eitrigen“ allerdings ohne Buckel, weil Scherzl gab es keines. Wie immer musste sie für ihren Vater eine Speise aussuchen, und die Wahl fiel auf Würstel mit Saft wie auch bei mir – ein Fehler, wie sich bald herausstellte. Die Frankfurter waren ganz ok, der suppig-dünne Saft aber war nicht aus einem Gulasch geboren, sondern aus einem Packerl namens Knorr oder Maggi.

Alsbald ergriffen wir die Flucht und strebten dem Tor neun des schon nahegelegenen Zentralfriedhofs entgegen. Sowohl Sissi als auch ich selbst waren lange Zeit der Irrmeinung gewesen, Hunden sei generell der Aufenthalt verboten, auch wenn sie zu jeder Zeit im Auto verblieben. Ein Telefonat Sissis mit der Verwaltung belehrte uns eines Besseren, und Emma und Jago blieben einfach bei jedem Grabbesuch im Fahrzeug sitzen. Unsere Runde war alljährlich die gleiche: Norbert-Opas Eltern und seine früh verstorbene Ehefrau zugleich Sissis Großeltern bzw. Mutter kam als erste dran, gefolgt vom sehr jung verstorbenen Cousin unserer kroatischen Freundin Karolina. Danach ging es weiter zum Baumgrab unseres heuer tödlich verunfallten Nachbarn Gordon Murray, das sich direkt neben dem Ehrenhain befindet, unweit von Falco und Michaela Scheday (Schauspielerin und Regisseurin), einer Schulfreundin Sissis, für die ebenfalls eine Kerze angezündet wurde. Den Abschluss bildete wie alljährlich die Ruhestätte von Peter Hager, einem Sandkisten-Freunds Sissis mit dem sie aufgewachsen war, sowie dessen Mutter.

Danach bestiegen wir wieder den Yeti, um Norbert-Opa nach Hause zu bringen. Die Fahrerei entlang der Simmeringer Hauptstraße bis zur Tangentenauffahrt bei St. Marx war keine Freude, Stop&Go forever. Dennoch konnten wir Sissis Vater bald daheim abliefern und uns auf den Weg hin zur Oberlaaerstraße machen, was zum Glück nicht lange dauerte. Es gab einen Parkplatz direkt vor dem Geschäft. Sissi löhnte 400 Euros, schleppte die Pakete zum Auto und bald waren wir daheim.

Nach dem Kaffee wurde alles ausgepackt, in Augenschein genommen und mit der Rechnung abgeglichen – alles war vorhanden.
Sissi schraubelte noch ein bissl herum, und ich beschäftigte mich mit den ersten Zeilen der gegenständlichen Story. 

Morgen, am 2. November habe ich mich wieder in der Ambulanz einzufinden…wieder steht ein Tag im AKH bevor…

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