Der Jago ist nach wie vor resistent gegen alles und alle, die er nicht kennt oder nicht zu kennen vorgibt. Die Aussicht auf ein Leckerli und/oder eine Streicheleinheit kostet ihn bestenfalls ein uninteressiertes Gähnen und/oder wird überhaupt nicht einmal ignoriert.
Kaum geht es aber ums Gassigehen, so prostituiert er sich, der falsche Fuffziger – da ist ihm jeder recht. Das Zauberwort „Gassi“ in Verbindung mit Bewegung in Richtung Tür hebt jede Zurückhaltung hintan, er ist der Erste beim Ausgang, setzt sich unaufgefordert(!) hin, lässt sich mittlerweile widerspruchslos Brustgeschirr und Leine anlegen und draußen ist er, seinen Führer oder besser gesagt den von ihm geführten Begleiter hinter sich herziehend.
Sogar mit mir war er jetzt schon ein paar Mal draußen, und es war jedes Mal spannend. Kaum glaubt man, die Rituale seien immer dieselben, wird man schon eines Besseren belehrt. Vieles wiederholt sich, aber nix ist fix.
Etwa zwei Meter nach der Wohnungstür muss man sich erst einmal ordentlich schütteln, und zwar von der Nase bis zur Schwanzspitze in Wellenbewegung. Faszinierend. Habe ich so nicht einmal in jungen Jahren zusammengebracht. Der Schwanz bewegt sich von eingezogen auf Halbmast, ehe die Stufen in Angriff genommen werden.
Bis zum Halbstock geht es meist flüssig, dann wird kurz innegehalten und die Schlappohren angehoben. Ist irgendein Geräusch zu hören, so kann dies verschiedene Reaktionen nach sich ziehen. Manches scheint unbedenklich und wird nicht beachtet, anderes führt zu befristetem Sitzstreik. Wodurch der Jago gefähr- und bedrohlich von harm- und bedeutungslos unterscheidet, werde ich nie verstehen – meine Ohren nehmen bestenfalls sich öffnende Haus- oder Wohnungstüren wahr, aber er weiß es besser.
„Du Ahnungsloser“ scheint er zu sagen, „wenn ich dich schon zum Gassigehen mitnehme, so lass‘ mich gefälligst selbst entscheiden, wann es gefährlich wird, sonst kannst gleich daheim bleiben. Siehst du denn nicht, dass ich den Schwanz einziehe?“. Na gut. Entschuldige bitte, du wirst es schon wissen.
Mein volles Verständnis hat er, wenn der den Malermeister samt Leiter vorbeigeht, der sich anschickt, vergammelte Fenster wieder in Form zu bringen.
Ein großes Malheur ist ein neuer Bewohner, der sein Hab und Gut vor dem Aufzug im Parterre zwischengelagert hat – Schachteln, Kisten und dergleichen waren schon immer nicht seine Freunde. Oder der freitagliche Putztrupp, der gefährlich scheppernde Kübel und sonstiges schweres Gerät mit sich trägt – das Leben ist immer lebensgefährlich!
Wir schaffen den Rest bis zur Haustür, passieren sie, und draußen sind wir. Der Schwanz wird sofort zur Antenne, die Nase geht zu Boden, die Vielzahl der Gerüche ist jedes Mal Faszination. Bald ist die erste Position erreicht, die es dringend zu pinkelmarkieren gilt.
Die kurzgehaltene Leine ist zwar ein Ärgernis, aber bevor nicht der nahegelegene Draschepark erreicht ist, gibt es keinen Pardon. Schließlich muss dem Hund klar gemacht werden, wer der Herr ist, oder? Außerdem sind zwei Straßenkreuzungen zu überqueren, und da kann es wirklich gefährlich werden.
Verstehst du, Jago?