Vertreibung oder was?

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Paradies und Himmel sind meiner Ansicht nach im Prinzip ident, über ein paar der folgenden Unterschiede sehe ich hinweg; beide stehen uns Spezies Mensch nicht zur Verfügung, solange wir am Leben sind.
In ersterem hatten schon mindestens zwei Personen Zugang, bis sie nach einem lässlichen Fehltritt hinausgeschmissen wurden. In letzterem war außer einem gewissen Alois Hingerl noch niemand (siehe Video auf Youtube), der allerdings seinem Verbleib dortselbst nichts abgewinnen konnte und sich gerne wenigstens zeitweilig wieder verabschiedete. Ein anderer wieder ließ große Skepsis erkennen, denn „wenn man im Himmel nicht raucht, gehe ich nicht hin“, so der passionierte Nikotinanhänger Mark Twain. Das Paradies erscheint landläufig als grünes, schwach frequentiertes Nudistencamp, dominiert von Reptil und Apfelbaum, während der Himmel eher blau mit Wolken und Engeln gesehen wird. Der Himmel hat auch ein Gegenteil und eine Art U-Haft, nämlich das Fegefeuer, dem Paradies fehlt beides.
Ob nun unser Familienzuwachs Emma aus dem Paradies oder dem Himmel vertrieben wurde, ist also sekundär. Faktum ist, dass sie nicht vertrieben, sondern adoptiert oder im schlechtesten Fall gekidnapped wurde.
Es ist zu unterscheiden zwischen
a) Paradies/Himmel in der Vision von Menschen
b) Paradies/Himmel in der Vorstellung von Hunden
c) Paradies/Himmel so wie Menschen glauben, dass es sich Hunde vorstellen.

Nun ist es mir nicht bekannt, ob Hunde überhaupt in der Lage sind, sich etwas vorzustellen.
Wenn sie es sind, so muss sich Emma im Paradies/Himmel gewähnt haben, während sie auf dem Reitgut Niederabsdorf zu Gast war. Es gab dort keine Verbote, außer dem Betreten des cheflichen Schlafgemachs. Je eine große Schüssel mit Speis und Trank stand jederzeit zur freien Entnahme bereit, jedes Rudelmitglied konnte sich nach Bedarf und eigenem Gutdünken bedienen. Halsband, Brustgeschirr, Leine oder Beißkorb waren unbekannt, die bis zu acht Vierbeiner durften sich völlig gefahrlos in- oder outdoor bewegen, denn Motorisiertes gab es kaum. An die vielen Pferde hatte man sich gewöhnt, auch deren stoffwechselbedingte Hinterlassenschaften waren nur mehr mäßig interessant. Zum Reiten kommende Gäste waren willkommene Abwechslung und wurden mit freudigem Gebell begrüßt. Die zehnjährige Rudeloberin, die schon seit ihrer Geburt am Gut lebt, wird von allen akzeptiert und anerkannt, das Matriarchat funktioniert problemlos. Die einzige Einschränkung mag gewesen sein, dass es doch ein bissl fad war. In der eigenen Umwelt war bereits alles beschnüffelt bzw. allenfalls markiert, auf Reisen ging man höchstens einmal zum Tierarzt, ansonsten blieb man daheim und unter sich.

Der Jago verhielt sich bei unseren beiden Besuchen anders als sonst, wichtig war ihm offenbar nur, dass ein paar seiner menschlichen Rudelbosse anwesend waren. Gegen seine Gewohnheiten schien er sich vor nichts zu fürchten, er betrat das Haus ohne Zögern, nicht einmal die Sonnenschirme waren eine Bedrohung. An der Wasserschüssel labte er sich wie selbstverständlich, auch Schmankerl wurden nicht verweigert, sondern sogar gefordert. Auch die beste Sissi von allen wunderte sich über unseren so außergewöhnlich selbstsicher auftretenden Hund.
Und Emma? Obwohl nunmehr erst wenige Tage bei uns, scheint sie sich wohl zu fühlen, nichts scheint ihr abzugehen. Vieles ist neu für sie, vieles erschreckt sie, macht ihr aber nicht nachhaltig Angst. Sie lernt schnell und scheint sich an alles zu gewöhnen. Das Zusammenleben mit Jago macht bisher keine Probleme, man könnte glauben, die beiden kennen einander seit je her. Am wichtigsten für sie scheint es, bei Schmankerln und Streicheleinheiten nicht zu kurz zu kommen – dafür kann leicht gesorgt werden!
Geht die menschliche Einschätzung an der Realität vorbei? Wo ist das wirkliche Hundeparadies?

Werner Simon, 4.10.2015

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