Leukämie ist Scheiße! Teil 66

Alk-Profis – ein Panoptikum

Über Anraten der besten Sissi ist dieser Bericht im Spital mangels Laptop echt handschriftlich entstanden, selbst auf die Gefahr hin, ich würde meine Klaue später selbst nicht mehr entziffern können.

Umstände zwangen mich zu mehreren Anläufen, weil nur sehr schwer ein ruhiges Platzerl zum Schreiben zu finden war. Im Zimmer zappte der polnische Cowboy (ja, der mit der Leberblutung vom Saufen) unermüdlich mit der Fernbedienung im TV herum, der andere ziemlich verwirrte Zimmergenosse (Alzi im Frühstadium?) telefonierte ohne Unterlass und redete ständig das Gleiche; wie ich erst später draufkam meist mit demselben bedauernswerten Gesprächspartner.

Im Wartebereich waren fast alle Sessel besetzt und es wurde eifrig geschwätzt. Blieb also nur mehr der Patientenfernsehraum, der hin und wieder zur Verfügung stand.Nach Maßgabe meiner physischen Möglichkeiten drehte, besser schlich ich meine Spazierrunden in Ebene 21, bewaffnet mit meinem fahrbaren Infusionsständer, Papier und Bleistift.
Zurück im Zimmer fand ich meist dasselbe Szenario vor: der Cowboy am Zappen, der Verwirrte am Telefonieren….

Wie ich im Verlauf einer Visite mitbekam, war Letzterer früher auch ein begabter Trinker, der sich bis zum schweren Alkoholiker hochgearbeitet hatte. Nach (mehreren?) Entzügen war er jetzt angeblich clean, was ihn aber nicht davon abhielt auf Nachbars Bierchen zu schielen, sobald sich der eins genehmigte. Eine (mehrere?) Krebsoperation hat er auch schon hinter sich; zurzeit bringt er weniger als 5o Kilo auf die Waage und soll durchuntersucht und aufgepäppelt werden.

 

Weil er sein Handy praktisch ständig in der Hand hatte, fiel es ihm während einer Telefonier-Pause prompt zu Boden und zersprang in mehrere Teile. Der hilfsbereite Cowboy reparierte es hardwaremäßig, und weil der SIM-Code verfügbar war (auf dem Gerät selbst notiert?) hätte man es sogar wieder in Betrieb nehmen können. Allerdings schaffte es sein Besitzer mehrfach nicht, die vierstellige Ziffernfolge richtig einzugeben, wodurch in der Folge der PUK-Code verlangt wurde. Dieser stand nicht zur Verfügung, hätte aber wahrscheinlich auch nichts genützt, weil weitere falsche Eingaben äußerst wahrscheinlich gewesen wären. Der Arme drückte lange weiter auf der Tastatur herum und wurde dabei immer aufgeregter und nervöser. Eine unlösbare Sache ohne Happy End.

Signifikant war auch, dass er ständig auf der Suche nach Gegenständen war, die vorhanden sein müssen, weil er sie doch „erst kürzlich in der Hand gehabt hatte“. Zuerst fand er seine Zigaretten nicht und nahm dazu mehrmals seinen Koffer aus dem Spind, um ihn akribisch, aber leider vergeblich zu durchwühlen. Auf einem Sessel hing seine Weste, aus deren linker Tasche etwas Rotes von Weitem zu sehen war – die von ihm bevorzugte Marke sind Gauloises, die sind ja in roten Packungen. Meine Vermutung war richtig, und ich hatte mir seinen ewigen Dank eingehandelt.

Als Nächstes war seine fehlende Toilette-Tasche dran – also wieder mehrmals Koffer heraus, Durchsuchung, Koffer hinein… Im Waschraum stand so eine Tasche herum, von der ich nicht wusste, wem sie gehört. Darauf aufmerksam gemacht, erkannte er sie tatsächlich als die seine – ewiger Dank, wie gehabt….

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