Leukämie ist Scheiße! Teil 57

Blackout

Trotz der mir innewohnenden körperlichen Baustellen wurde der nächste, mittlerweile zehnte Zyklus Vidaza am 18.9. plangemäß begonnen.
Die beste Sissi von allen suchte Montag, Mittwoch und Freitag ihren Vater auf um zu sehen, wie dieser auf die vereinbarten Besuche der Heimhilfe resp. Besuchsdienstdamen der Volkshilfe reagieren würde. Daneben waren noch einige Besorgungen zu erledigen. Freudestrahlend kam sie am Montag gegen Mittag nach Hause und berichtete, es sei zu keinerlei Problemen gekommen. Ganz im Gegenteil war der Papa äußerst gut gelaunt, freundlich und zuvorkommend gewesen und hatte gleich den richtigen Zugang zu der „g’schtraumpft´n Gretl“ gefunden, mit der die Chemie stimmte.
Ähnlich harmonisch verliefen der Mittwoch und der Freitag, der alte Frauenliebhaber ließ den Kavalier heraushängen und erzählte allen Damen seine stereotypen alten Geschichten. Ab 24.9. würde Gefährtin Lena für eine Woche kommen; Sissi sagte also alle Dienste für diese Woche ab, wegen deren Fortsetzung werde sie rechtzeitig anrufen.

Die Kombination von Vidaza und dem Pilzbekämpfungsmittel Diflucan erwies sich als eine Bombe – ich wurde apathisch und dauerschläfrig und verschlief die Nachmittage, zum Glück aber auch die Nächte sowie das Wochenende. Der Montag verlief noch einigermaßen erträglich, am Dienstag allerdings war ich so schwach, dass ich dem guten Professor Sillaber beinahe vom Sessel gefallen wäre. Situationselastisch tat der das einzig Richtige, er suchte ein Bett für mich und fand es auf Station 18H, wohin ich unverzüglich gebracht wurde.

Es folgte ein totales Blackout…  ich wurde erst am folgenden Mittwoch zu Mittag wach und fand Sissi neben mir am Bett sitzend vor. Sie versuchte, mir die vergangenen zwei Tage zu erklären, ich war aber völlig desorientiert und bekam nichts mit, wusste nicht einmal in welchem Stockwerk, in welcher Station ich war, glaubte zwei Wochen verschlafen zu haben.
Laut Patientenbrief war ich wegen vermindertem Allgemeinzustand und Somnolenz (Bewusstseinsstörung) aufgenommen. Meine internen Blutungen wurden meinem Pilz zugeschrieben, der trotz medikamentöser Behandlung noch immer aktiv zu sein schien. Ein Fieberschub von 38,7°C begründete den Verdacht auf „atypische“ Lungenentzündung, es konnten aber keine entsprechenden verantwortlichen Keime nachgewiesen werden.

Es wurden in der Folge Flüssigkeit, Antibiotika, Erythrozyten und Thrombozyten infundiert, die pilzverscheuchende Therapie wurde ebenfalls fortgesetzt. Eine Physiotherapeutin erschien an meinem Bett und zeigte mir ein paar sinnhafte Übungen, die im Liegen ausgeführt werden können.
Auch brachte sie mir ein Atemtrainiervorrichtung, mit der der lästige Schleim leichter ausgehustet werden könne; es sei wichtig, langsam durch das Gerät zu atmen, wobei das vollständige Ausatmen ganz wichtig sei. Ich möge das Training so oft wie möglich wiederholen… somit erfreute ich des Öfteren meine Zimmerkollegen mit dem dadurch verursachten lustigen Pfeifen dieses Spezialgeräts.

Dem visitierenden, mir unbekannten Professor gefiel mein Zustand von Tag zu Tag besser, was subjektiv nicht mit meinem eigenen Empfinden korrespondierte, denn ich war nach wie vor ziemlich zerprackt, müde und  schläfrig. Erst später hatte ich Gelegenheit, die Gebrauchsanleitung des Antipilzmittels Diflucan durchzulesen – an oberster Stelle der Nebenwirkungen fanden sich neben einer ganzen Latte anderer Müdigkeit und Apathie. Na also, das war’s dann. Zusammen mit den Nebenwirkungen von Vidaza war die Verschlechterung meines Allgemeinzustandes samt Somnolenz nicht ungewöhnlich.

Meine Entlassung am 6. Oktober empfand ich als verfrüht, hütete mich aber vor Widerspruch. Laut Patientenbrief wurde mir aufgetragen, bei Fieber über 38°C unverzüglich das nächstgelegene Krankenhaus aufzusuchen (was zum Glück eh nicht passierte). Außerdem möge ich mich am 9. Oktober in der onkologischen Ambulanz zur Blutkontrolle bei Professor Sperr (!) einfinden, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Der 9. Oktober war einer fast üblichen Chaosmontage. Auf den für acht Uhr bestellten Transport musste ich gleich länger als eine Stunde warten und war entsprechend grantig. Zwei Mal telefonierte ich mühsam beherrscht mit der Leitstelle, meinen heiligen Zorn aber lud ich bei den Sanitätern ab, wohl wissend, dass dies nicht die Schuldigen waren. Der Wartebereich zur Blutabnahme war bummvoll, es wurde elf Uhr bis ich an der Reihe war. Bis der Befund fertig war und mich Professor aufrief, war schon High Noon!

Glücklicher Weise hatte ich gerade noch genug Erys (8,7), so dass eine taggleiche Infusion nicht notwendig war; allerdings waren die Thrombos (7) zu wenig und mussten nachgefüllt werden (wieder auf Station 18J). Diese wurden überraschend schnell geliefert, es fand sich jedoch geraume Zeit kein Arzt, um sie mir anzuhängen – ich konnte mich also in Ruhe meinem Mittagessen widmen, nämlich  Erdäpfelpuffern mit Salat: gatschig, aber doch geschmacklos…

Ende gut, alles (eher weniger) gut. Um 15h00 war ich endlich daheim und konnte mich wieder in die Horizontale begeben…

Ein Kommentar

  1. Lieber Werner! Du bist ja wirklich der „eiserne Wilhelm“ !!! Ein Ausspruch meines Vaters, wenn es bei ihm drunter und drüber ging. Da war’s die Lunge , die nicht wollte und konnte. Aber im AKH war er gut betreut. Die Wirkung der Medikamente obwohl sie helfen, sind oft kein Lerchersch… , wie ich von mir weiß. Ein ewiges Wellental!!!! Ich wünsche dir, dass du jetzt wieder OBEN schwimmst!!! Herzlich Babsi

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