Leukämie ist Scheiße! Teil 52

In der Notfallaufnahme…

 

Natürlich hätte ich auf sie hören sollen, ja müssen, nämlich auf die beste Sissi von allen…

 

Montag, der 31.Juli begrüßte mich um neun in der Früh mit Puls 92 und durchwachsener Befindlichkeit. „Auf ins AKH“, hörte ich von ihr, und gescheit wäre es gewesen, ihr zu folgen.

Zu meiner Ehrenrettung kann ich  ins Treffen führen, dass ich des Morgens öfter einmal erhöhten Puls hatte, der sich meist nach absehbarer Zeit normalisierte. Als mir das Messgerät aber zu Mittag noch immer den 92er zeigte, sich bis 14h00 auf 94 steigerte und mir bald der Hunderter entgegengrinste, wurde ich besorgt. Hundert? Gibt’s doch nicht, versuchte ich mich zu beruhigen, hatte ich doch erst am vergangenen Freitag eine volle Ladung Erys infundiert bekommen – wohin waren die bloß verschwunden?

Wie auch immer, mein Zustand korrespondierte mit der Messung, schwach und schwindlig fühlte ich mich, also her mit dem Notarzt. Die freundliche weibliche Automatenstimme am anderen Ende der Leitung stellte umgehend fest, dass mein Anruf außerhalb der Dienstzeit liege, ich möge doch die Rettung verständigen. Nicht wissend, dass es nach 17h00 keine Not mehr geben darf oder kann, wählte ich 144 und erzählte meine Story. Der Mann in der Telefonzentrale wirkte kompetent, stellte zielorientierte Fragen und versprach, sobald wie möglich ein Fahrzeug zu schicken.

Es dauerte tatsächlich nicht lange, bis zwei Herren in Arbeiter-Samariter-Uniformen in unserer Garten-Parzelle auftauchten und meine Probleme hinterfragten. Rasch die vorhandenen Befunde und die E-Card übergeben, und schon waren wir handelseins. Hinein in den Rollstuhl, hinein ins Rettungsauto, mit dem blauen Licht und fallweisem Folgetonhorn in Richtung AKH. (Dieser und weiteren Ambulanzfahrten werde ich eine eigene Story widmen, da gibt es einiges zu erzählen).

In der Notfallaufnahme angekommen befiel mich das Gefühl der Sicherheit, hier war die Not die Regel, hier wurde jedem geholfen. Die Wartezone war nicht einmal sonderlich überfüllt, es waren viele Sessel unbesetzt. Das Erstgespräch führte eine erfahrene Schwester mit mir, bald war alles klar. Ich möge doch Platz nehmen, es werde ein „bissl“ dauern, bis ich einem Arzt vorgeführt werden kann.

Ein gebriefter AKH-ler wie ich weiß natürlich gleich, was das heißt, nämlich geduldig warten. Gleich ein paar Magazine gekrallt (Profil, Trend, News, alle einige Wochen alt) und einen Sessel in der ersten Reihe gesichert. Viel zum Lesen sollte ich nicht kommen, zu faszinierend war die Schar der anderen Wartenden, einem Panoptikum nicht unähnlich. Da waren einmal zwei sehr alte Damen, eine im Liegen, die andere im Rollstuhl, beide aus Seniorenheimen angekarrt.
Die alte Frau im Bett sagte nichts, wuzelte permanent ihrer Bettdecke und starrte ins Leere. Auch als sie zum Heimtransport gerufen wurde, konnte sie sich nicht artikulieren, die Sanitäter mussten sich beim Personal versichern, um die richtige Kranke mit zu nehmen.
Die im Rollstuhl sitzende Seniorin war ein anderes Kaliber, überaus streitbar mit kräftiger Stimme. Nein, hier wolle sie nicht sein, das sei nicht ihr Daheim, wieso sei sie überhaupt da, wem sei das zu verdanken, man möge sie gefälligst sofort wieder nach Hause bringen. Ihr Gezeter war ohrenbetäubend, mehrere Schwestern, Pfleger, Ärzte und die Security konnten sie nicht beruhigen. Endlich reichte man ihr ein Handy, und sie telefonierte, offenbar mit ihrer Tochter, die lautstark zu beschimpfen sie sich nicht entgehen ließ. Schlussendlich setzte sie sich durch, bald erschienen Träger und schoben sie hinaus. Ob sie überhaupt medizinisch behandelt wurde ist mir nicht bekannt.

Die ganze Zeit lang beobachtete ich nebenbei einen Mann im Rollstuhl, der sich lautstark bemerkbar machte. Er schien sich im Ambiente sehr gut auszukennen, begrüßte alle Vorbeigehenden, wies Neuankömmlingen die richtige Warteposition und verlangte immer wieder, ins Zimmer A1 gebracht zu werden. Auf den ersten Blick sah man ihm den psychisch Kranken nicht an, aber er war es zweifellos. Was er in der Notfallaufnahme zu suchen hatte, bleibt ein Geheimnis. Jedenfalls scheint er dem Personal gut bekannt zu und schon oft anwesend gewesen zu sein.

Irgendwann während ich wartete, entstand beim Ein/Ausgang Unruhe. Eine durch mich nicht identifizierbare Stimme wies sechs Sicherheitsorgane an, alle Zugänge, Fluchtwege etc. zu besetzen. Das AKH dient bekanntlich auch als Inquisiten-Spital, wodurch ich sogleich messerscharf schloss, es müsse irgendein schwerer Bursche von bis an die Zähne bewaffneten Polizisten herein gebracht werden. Zu sehen war nichts Verdächtiges, außer einem rotweißen Absperrband von Türstock zu Türstock, das ich scharfsichtig aber doch fälschlicher Weise als behördliche Absperrung identifizierte. In Wirklichkeit handelte es sich um Markierungen einer Reinigungsfirma, welche ankommende und weggehende Patienten umleitete. Ein Sicherungsbeamter regulierte den Verkehr an der Tür, unterstützt vom Narrischen im Rollstuhl, der mit lautstarken Kommandos für Ordnung sorgte.  Den penetranten Lärm des Reinigungsgeräts hörte man schon, ehe man es sah. Es war einer jener fahrbaren Bewässerer, auf dem ein Bodenkosmetiker thronte und seinem Geschäft akribisch nachkam. Es muss sich um den bestgesäuberten Türbereich des ganzen Spitals handeln.

Unter den Auffälligen im Wartebereich befand sich  noch ein weiteres bedauernswertes  Individuum, auch im Rollstuhl. Man sah verkümmerte Beine und einen gedrungenen Torso, auf dem fast halslos der Kopf saß. Arme und Hände schienen einigermaßen in Ordnung zu sein, denn ein Smartphone wurde permanent bearbeitet. Erst durch den Aufruf zum Arzt wurde das weibliche Geschlecht des armen Menschen bekannt.

Die Anzahl der Wartenden war inzwischen kleiner geworden, der verrückte „Ordner“ musste wenig kommandieren und hatte daher Zeit, seinem Wunsch um Zugang zu Zimmer A1 immer wieder lautstark Ausdruck zu verleihen. Ich stehe nicht an zuzugeben, dass mich der Bursche schon gewaltig nervte.

Auffällig war noch eine äußerst schlanke Dame, die laut jammernd umherlief, begleitet von einer Schwester, hinterher auch von einem Pfleger und einem Arzt. Offenbar schwanger, vielleicht schon in den Wehen, war sie als solche optisch nicht zu erkennen. In der Menge entstand ob der ihr zu teil werdenden Aufmerksamkeit leises Murren, was den Pfleger zum Zuruf ermunterte: „So laung wia i do bin, gibt’s do kan Abortus!“. Alle Beteiligten verschwanden durch eine für Patienten nicht zugängliche Türe.

Es wurde etwa acht Uhr, bis ich ins Zimmer A2 aufgerufen wurde; der Arzt wusste fast alles über mich aus dem Computer, stellte einige ergänzende Fragen und setzte mir persönlich einen Venflon, um eine Blutprobe zu entnehmen. Es werde, sagte er, etwa zwei Stunden bis zum Ergebnis brauchen, ich möge Platz nehmen
Sensationeller Weise dauerte es „nur“ 90 Minuten bis ich wieder zum selben Arzt gerufen wurde. Gar nicht so übel seien sie, meine Werte; es sei meine Entscheidung, jetzt auf Blut- und Thrombozyten-Konserven zu warten… jedenfalls würde dies „ein paar Stunden“ dauern. Empfehlen würde er die Warterei nicht, meinte er, zumal aus ärztlicher Sicht keine akute Notwendigkeit bestehe. Er machte sich erbötig, Erythrozyten für morgen zu bestellen und nach 18J liefern zu lassen, womit er sich ein Schippel Administration aufhalste, an der er ohne Hilfe der assistierenden Schwester zu scheitern drohte.

Es wurde der Heimtransport organisiert, und zuletzt entfernte der Doktor den Venflon. Leider pickte er den Einstichschlecht zu, worauf ich beim Abgang prompt den Fußboden vollblutete. Der Dienst habende Erstversorgungspfleger wickelte den Arm neuerlich ein, ich möge in zehn Minuten wieder kommen. Nun, so lange sollte es nicht dauern, denn der notdürftige Verband hielt auch nix und die Bluterei schritt hurtig voran. Also drängte ich mich durch die mittlerweile stark angewachsene Patientenanzahl wieder zum Erstversorger, der gerade nicht anwesend war. An seiner Stelle fand ich einen anderen Pfleger mit deutschem Akzent vor, der mich in die Schlange der Wartenden zurück zu schicken versuchte. Ich lud ihn herzlich ein, sich auszusuchen, ob ich hier alles vollblute oder überhaupt gleich umfalle. Der mieselsüchtige Germane schnappte Verbandszeug und führte mich zu einem verwaisten Rollstuhl, weil alle Sessel besetzt waren. Er legte einen Druckverband an oder jedenfalls was er als einen solchen bezeichnete; zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass die Manschette hielt, die Blutung war gestoppt.

Jetzt hatte ich auf den Transport zu warten und nütze die Gelegenheit, den Verrückten im Rollstuhl zu beobachten. Als ich die Station kurz vor Mitternacht verließ, war der immer noch da und verhandelte mit zwei Securities und einem Pfleger die weitere Vorgangsweise; mittlerweile war er von seinem ursprünglichen Begehr abgerückt und wollte jetzt Einlass ins Zimmer A2. Zu weiteren Zugeständnissen war er nicht bereit und drohte, am folgenden Tag wieder zu erscheinen.

Als mich die Sanitäter nach Mitternacht im Garten absetzten, war Sissi nicht wirklich zufrieden. Sie hätte es gescheiter gefunden, taggleich  auf die Infusionen zu warten…

 

 

 

 

 

 

 

 

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