Leukämie ist Scheiße! Teil 13

Leute, Personen, Patienten

Als ich am 25. März im AKH zum dritten von insgesamt fünf Chemotherapie-Durchgängen antrete, werde ich ins Zimmer Nr.402 gebeten. Wie immer hat mich die beste Sissi von allen hergeführt, wie immer verbotener Weise die südliche Einfahrt über die Lazarettgasse nehmend, die Einsatzfahrzeugen und Krankentransporten vorbehalten ist. Und ein Krankentransport ist sie ja, immerhin.

Als ich das Zimmer betrete, kauert auf seinem Bett beim Fenster ein vierschrötiger, gedrungener Mann und schaut Comics im Fernsehen. Meinen Gruß erwidert er nicht, offenbar hat er mich gar nicht bemerkt.
Als ich ihn mir aus dem Augenwinkel genauer anschaue, fällt mir mein Vater selig ein, der oft gesagt hat: „Jedenfalls ist der Kopf größer als der Hals. Ist aber der Hals dicker als der Kopf, so nennt man das Kropf“. Für einen Steirer schaut er mir zu exotisch aus, also bleibt seine Herkunft vorerst im Dunklen. Zwei Tage lang reden wir nicht miteinander, ich weiß ja nicht einmal, ob er deutsch kann.

Alsbald rückt der nächste Patient ein, ein Burgenlandler in meinem Alter mit der gleichen Krankheit wie ich. Er kommt aus dem Landeskrankenhaus in Eisenstadt, von wo aus man ihn hierher überstellt hat. Vor dreißig Jahren, so erzählt er, hat er hier am AKH als Spengler gearbeitet, ist leider von einer Leiter  gefallen und hat sich ziemlich schwer verletzt, so dass er den Beruf nicht mehr ausüben konnte.
Gleich dageblieben ist er nicht, meint er launig, das hätte ihm doch zu lange gedauert. Seither war er bis zu seiner Pensionierung als Faktotum im Büro des burgenländischen Landeshauptmannes beschäftigt. Er scheint eine extrovertierte Frohnatur zu sein, und wir unterhalten uns alsbald prächtig. Sein Kofferradio hat er mitgebracht – ob es stören würde, wenn er Radio Burgenland (eh leise) einschaltet. Na klar stört das nicht, auch unser gedrungener dritter Mann signalisiert seine Zustimmung; dass es sich in Wirklichkeit für mich um eine schlimme Strafverschärfung handelt, muss ich ihm ja nicht auf die Nase binden.
Helmut Z., so heißt er, findet auch gleich Kontakt zu seinem Nachbarn beim Fenster. Dieser ist, wie sich herausstellt, Türke und seit 13 Jahren in Österreich. Seine Deutschkenntnisse sind eher bescheiden, dafür kennt er mit „Hasta La Vista“ noch drei spanische Wörter, die er inflationär verwendet. Natürlich isst er kein Schweinefleisch und trinkt keinen Alkohol, in Mekka war er allerdings auch noch nicht. Bemerkenswert erscheint mir, dass er nur männliche Angehörige/Freunde/Bekannte im Zimmer empfängt, Ehefrau und Tochter allerdings trifft er sonstwo im Haus, wahrscheinlich um sie nicht den musternden Blicken seiner Zimmergenossen auszusetzen.
Nach einigen Tagen wird er in eine andere Station in Ebene 18 verlegt; manchmal treffe ich ihn noch im Smoker´s Corner.
Er gehört zu den Bedauernswerten mit schwer zu bestimmender Diagnose und beklagt sich oft, dass trotz seines schon recht lang andauernden Aufenthalts nichts mit ihm passiert. Erst nach der ganzen Palette an Untersuchungen kann ein kleines Karzinom im Halsbereich festgestellt werden und die Behandlung beginnen. Hasta La Vista!

Noch am selben Tag erscheint der nächste Patient, ein gut aussehender, gepflegter Gentleman von etwa fünfzig Jahren. Er hat auch eine ziemlich heftige Behandlung hinter sich, war sogar eine Woche lang in der Intensivstation. Eine gewinnende Persönlichkeit, zu der sowohl Helmut als auch ich alsbald einen Draht finden. Es stellt sich heraus, dass es sich um einen hochrangigen Politiker einer Partei handelt, mit der ich jedoch absolut  nichts zu tun haben möchte. Er stammt aus einer Gemeinde im Südwesten Österreichs, hat aber zweckmäßiger Weise auch eine Wohnung in Wien, die er mit Zustimmung der Professoren häufig aufsucht, sogar dort nächtigen darf. Dies hat zur Folge, dass man ihn nicht oft im Krankenzimmer antrifft. Zudem habe ich gerade zu jener Zeit einen ziemlich heftigen Fieberschub, der gut zwei Tage anhält und mich ganze Tage verschlafen lässt. Schade eigentlich, denn mit dem Herrn Nationalratsabgeordneten hätte ich trefflich streiten können.
Vielleicht ist mir manches Ärgernis erspart geblieben, indem ich keine Diskussionen führen musste/konnte. Als deklarierter Hofer Anhänger, mit dem er, wie er sagt, freundschaftlich verbunden ist, ist ihm wahrscheinlich keiner gewachsen, was destruktive Gesprächskultur angeht.

Es gäbe noch viele andere Menschen/Patiententypen, deren Geschichte erzählenswert ist, allerdings bin ich mit dem gegenständlichen Report eh schon zu lang geworden.  

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