Leukämie ist Scheiße! Teil 54

Leukämie ist Scheiße – Teil 54

Immer präsent… der Norbert-Opa und seine Sturheit

Mit 88 erstaunlich fit… der geistige Abbau wird leider ignoriert…

 

 

Ehe der neunte Zyklus Vidaza am 14.8. beginnen konnte, musste ich einige Male Blut- und Thrombozyten-Infusionen über mich ergehen lassen, genauso wie mehrere Male Ratiograstim-Spritzen (das sind die für die Leukozyten). Die ganze Zeit hindurch war ich einigermaßen gut beisammen, sogar bis zum Ende des Zyklus.

Am ersten Tag danach war ich gemeinsam mit Norbert-Opa bei der Fußpflege; der besten Sissi von allen waren dessen strapazierte Fersen und Zehenballen aufgefallen. Früher war er hin und wieder nach Sopron gefahren um seinen Beinen Gutes zu tun, denn dort ist es ja billiger – nicht mehr aber seit er nicht mehr selbst Auto fährt.

 

Am 31.8. war wieder Kontrolltermin im AKH mit der Absicht, Erys und ggf. Thrombos für den folgenden Freitag zu bestellen. Allerdings waren meine Werte so schlecht, dass beides taggleich infundiert werden musste.

Tags zuvor hatte eine Besichtigung im „Haus Prater“ der Wiener Organisation „Häuser zum Leben“  stattgefunden; für Norbert-Opa stand eine Seniorenwohnung ab sofort zur Verfügung. Wie wir schon zuvor stark befürchtet hatten, kam dessen prompte Ablehnung.
Schon während der telefonischen Anmeldung des Besichtigungstermins musste Sissi zur Kenntnis nehmen, dass eine Übersiedlung nur auf freiwilliger Basis in Frage käme; Zwang werde keinesfalls ausgeübt, unbeschadet der aufrecht bestehenden und notariell beglaubigten Vorsorgevollmacht. Eine akademische, äußerst kompetente Sozialarbeiterin führte uns durch Haus und Garten. Wir begegneten mehreren BewohnerInnen, viele von ihnen wohlgenährt, fast alle zufrieden ausschauend. Die vielen zur Verfügung stehenden Einrichtungen gefielen Norbert-Opa durchwegs; Kegelbahn und Tischtennis interessierten ihn wenig, das Vorhandensein einer Sauna nahm er wohlwollend zur Kenntnis. Insgesamt war er von den hellen, raummäßig großzügigen dimensionierten  Einrichtungen beeindruckt (Speisesaal, Kaffeehaus, Krankenschwesternstation, „Marktplatz“ etc.), es waren ihm dennoch kaum Kommentare zu entlocken. Wichtig schien ihm nur seine stereotype Frage – „Woa i do scho? I glaub do woa i scho“ – mit der er uns permanent drangsalierte.

Dann kamen wir zum Highlight, nämlich zu der für ihn verfügbaren Wohnung. Diese lag im dritten Stock mit Aussicht auf den Garten und sogar auf seine heißgeliebte Donau. Das lichtdurchflutete Appartement ist groß genug, um alle seine selbstgefertigten Wohnzimmermöbel aufzunehmen; in der Küchenzeile ist sind Kühlschrank und Mikrowelle Standard. Für einen Augenblick konnte der Eindruck entstehen, er käme ins Wanken; weil aber sein ebenso geliebtes Heustadelwasser nicht direkt vor der Tür liegt, kam die vorgefasste Absicht sofort wieder zum Tragen – nein, er wolle jedenfalls in seiner eigenen Wohnung bleiben… „vielleicht später einmal, jetzt noch nicht!“

Wenigstens erhielten wir gewisser Maßen als Ausgleich seine Zustimmung, Besuchsdienst und Heimhilfe  in seiner Wohnung zu akzeptieren. Diese Zusage nützt allerdings wenig, weil er sie nach wenigen Minuten wieder vergessen hat – die nächste Kollision mit ihm ist also vorprogrammiert.

Zum Abschluss wurden wir noch auf einen Kaffee eingeladen, den wir im Garten einnahmen. Norbert-Opa würgte dazu ein trockenes Kipferl hinunter, mit dem er nicht viel Freude hatte. Konversation gab es kaum, aber eine Dame am Nebentisch machte ihrem Enthusiasmus über ihr erfreuliches Dasein im Haus Prater Luft; sie sei jetzt neunundsiebzig und seit sieben Jahren hier. Mit einem Schlag sei sie alle ihre Sorgen los gewesen – kein Zins, keine Rechnungen, kein Einkaufen, keine wie immer gearteten Probleme. Die angebotenen Aktivitäten seien mannigfaltig – Reisen, Ausflüge, Bunte Nachmittage mit Musik („erst vor kurzem war der Peter Alexander da“ (???), Karten spielen, basteln und noch einiges mehr. Wer Unterhaltung will, bekommt sie; wer seine Ruhe will, kann sie jederzeit haben. Norbert-Opa spitzte die Ohren, denn was er von der redseligen Dame zu hören bekam, interessierte ihn offenbar sehr. Nur schwer war er zum Verlassen des Hauses zu bewegen.

Die Entscheidung ist jedoch zur Kenntnis zu nehmen. Späteres Interesse müsste neuerlich deponiert werden und man müsste wieder warten. Ob dann eine ähnlich schön gelegene Wohnung zur Verfügung stehen wird, kann nicht vorhergesehen werden.

Als nächsten Schritt wird Sissi das „Soziales Wien“ kontaktieren und einen Termin ausmachen. Wir werden uns umfassend über alle Möglichkeiten informieren lassen. Die Besuche und Aktivitäten der Pflegerinnen wird er knirschenden Zahnes akzeptieren müssen; andernfalls wird Sissi ihre Besuche bei ihrem Vater stark einschränken, und Lebensgefährtin Lena wird wahrscheinlich überhaupt nicht mehr erscheinen. Immerhin wird sie auch bald achtzig, hat sich um ihre große Familie in Attnang zu kümmern und ist gesundheitlich alles andere als in gutem Zustand.

Jedenfalls steht uns, wie erwähnt, die nächste Kollision inklusive kranker Argumente und Geschrei bevor.

Sissis Anwesenheit bei den ersten Pflegebesuchen wird unumgänglich notwendig sein; hoffentlich wird die Chemie passen und Norbert-Opa positiv beeinflussen. Bitte Daumen halten!

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