Leukämie ist Scheiße! Teil 69

Die letzten Tage… (erzählt von Sissi Simon)

Werners letztes selbst verfasstes Kapitel seiner Story endet mit der Aussicht auf Beginn der nächsten Vidaza-Therapie am 15.1.2018… zu dieser ist es nicht mehr gekommen.

Am Freitag, 12.1. soll er wieder zur Blutkontrolle auf die Tagesstation 18J, der SMD-Transport ist bestellt. Werner verschläft, schafft es kaum sich anzuziehen, ist komplett verwirrt. Gemeinsam schaffen wir es gerade noch ihn fertig anzuziehen bevor die Herren kommen, Werner braucht den Rollstuhl zum Auto….

Ich bin sehr unruhig daheim, erhalte keinerlei Nachrichten, erreiche Werner auch am Handy nicht. Mittags halte ich es nicht mehr aus, rufe auf der Station an und erfahre, dass er sehr schwach sein, dauernd schlafe und nichts gegessen hätte – weil nicht wach zu kriegen! Die Schwester berichtet mir, dass er noch Erys und Thrombos kriegen werde und nach 15:00 heimtransportiert werde.

Gegen 16:00 läuten die SMD-Sanitäter an… und ich traue meinen Augen nicht!

Sie bringen Werner in einem blauen Papier-Anzug, dem Notgewand aus dem AKH, nicht einmal eine Decke als Schutz gegen die damalige Kälte – er friert, ist völlig apathisch, nahezu unansprechbar. Man überreicht mir einen sehr schweren Plastiksack… in dem ist Werners völlig durchnässte Kleidung, er hatte ja noch immer seine Blasenentzündung. Offenbar hat auf 18J den ganzen Tag niemand nach ihm gesehen, ihn gefragt ob er auf´s WC müsse bzw. sonst etwas brauche… 

Ich frage völlig perplex und entsetzt, weiß momentan nicht was ich nun tun solle, warum er SO heimgeschickt würde, war meine Frage… die Herren wissen es natürlich nicht, sehen aber sofort ein, dass man Werner in diesem Zustand nicht daheim lassen könne.
Sie rufen sofort in der  Zentrale an, in welchem Spital Platz wäre. Auskunft: jedenfalls NICHT im AKH wo Werner seit Dezember 2015 in Behandlung war!

Man werde ihn in das Krankenhaus Rudolfstiftung bringen… ich war derart desperat, dass ich mich außer Stande sah mitzufahren, fand im Moment, dass es besser sei von daheim aus alles Nötige auszuloten, zu telefonieren usw. Ich fand, dass es besser sei für Werner SOFORT in ärztliche Betreuung zu kommen und nicht weitere Zeit zu verlieren.
Nachträglich betrachtet, bedaure ich sehr nicht doch gleich mitgefahren zu sein….

Ab 17:00 ist Werner in der Erstversorgung, muss das gesamte Prozedere auf sich nehmen obwohl ich sofort telefonisch Bescheid sage WAS er habe und WO alle (taggleichen) Befunde einsehbar wären…. egal, man muss alles neu machen. Nach einer Infusion ist Werner angeblich gut ansprechbar, wird um 19:00 in ein freies Bett in einem Dreier-Zimmer auf Station 4B gebracht.
Dort erreiche ich gegen 19:00 einen Pfleger der mit mir äußerst nett und ausführlich spricht – und über die nachmittägliche Entlassung Werners aus dem AKH genauso entsetzt ist wie ich!

Gegen 21:00 spreche ich noch mit der diensthabenden Oberärztin der Station… sie berichtet mir, Werner habe 38 Grad Fieber, sie ist ebenfalls sehr aufgebracht und meint, ich solle mich über diese Vorgangsweise im AKH beschweren… es sei leider kein Einzelfall, dass man Langzeitpatienten plötzlich abschiebe, sich quasi „abputze“.

Dazu gleich gesagt: diese Beschwerde bei der Patientenanwaltschaft habe ich nicht gemacht, aus Nerven- und Zeitmangel.

Geschlafen habe ich in dieser Nacht kaum, stand am 13.1. früh auf um ins Spital zu fahren… dort fand ich Werner völlig unansprechbar, beide Zimmerkollegen meinten, er sei nie wach gewesen. Ich warte auf die Visite am späten Vormittag, und wer ist der Oberarzt der sie abhält? Unser Wohnungsnachbar… ein bisschen Glück im Unglück!

Er nimmt sich sehr lange Zeit für mich, erklärt mir, dass eine Entzündung im Körper sein, man versuche sie zu orten, die CRP-Werte stiegen permanent. Ich bitte ihn ehrlich zu sein… so erfahre ich, dass es nicht gut aussehe, dass man nicht sicher sei, dies nochmals in den Griff zu kriegen.
Kurz gesagt: mein Nachbar erklärt mir, dass er nicht wüsste, ob Werner das überstehen würde! Ich bin jedoch froh über diese Ehrlichkeit, vor allem aber diese mitfühlende Art die mir entgegen gebracht wurde – sei es von Arztseite aber auch jene des Pflegepersonals!

Abends erkundige ich mich nochmals telefonisch…. Situation unverändert.

Am 14.1. morgens ruft mich liebenswürdiger Weise mein Nachbar vor seinem Dienstende an – Lage unverändert, es sehe schlecht aus, er wisse nicht ob Werner den Infekt überstehen würde.

Am frühen Vormittag fahren Regina und ich ins Krankenhaus, Werners Klagen und Jammern ohne jemals die Augen zu öffnen höre ich bis heute, er möchte nicht einmal berührt werden… wir bleiben bis zum Nachmittag, spielen ihm „seine“ Musik vor, in der Hoffnung dass er sie vielleicht hören könnte.

Bei der Visite erfahren wir, dass Werner nun permanent Schmerzmittel erhalte, man überlege ihm auch Morphin zu geben, er würde auch in ein Zweier-Zimmer verlegt.

Nachmittags kommen Erik und Norbert zu Besuch, keine Veränderung… Werner hat wieder einen Katheter zwecks Pflegeerleichterung erhalten, seine Lunge wird abgesaugt – danach ist er ruhiger.
Auch die Buben spielen ihm Musik vor…

Am 15.1. vormittags sind erneut Regina und ich im Krankenhaus, mittlerweile hat man Werner in ein Einzelzimmer verlegt, er erhält Morphin mittels Dauerinfusion.
Wir spielen ihm seine geliebten New Orleans Pianisten vor….

Abends „übernimmt“ Erik den Platz neben Werners Bett, er beschließt über Nacht zu bleiben… alles kein Problem für das nette Personal, man bringt ihm sogar Polster und Decke, der Nachdienst bestellt ihm sogar ein spätes Abendessen mit!
Werner ist vorerst unruhig, die Morphindosis wird etwas erhöht, Erik spielt Musik für seinen Papa, zum Schlafen kommt er allerdings nicht mehr… er bemerkt, dass Werner einen großen Seufzer macht und dann ruhig wird, bei den Klängen von Abi Wallensteins „Silver City“…

Erik spürt keinen Puls mehr, ruft die Schwester… sie muss ihm mitteilen, dass sein Papa soeben verstorben ist.

Es ist 00:31 am 16.1.2018

Man bemüht sich sehr um unseren Sohn, händigt ihm Ehering und Uhr Werners aus und entlässt ihn nach Hause.
Erik hat natürlich sofort weinend bei mir angerufen – ich warte auf ihn. Auch Regina kommt sofort mit den Hunden zu uns, will bei uns die Nacht verbringen.

Gegen 01:30 läutet es – unsere liebe Nachbarin Ann steht vor der Tür, sie ist ja im März 2017 ebenfalls zur Witwe geworden war. Ann hat offenbar gemerkt, gespürt, was geschehen ist.

Wir sitzen lange zusammen, weinen, trinken, plaudern, lachen sogar manchmal über gemeinsame lustige Erlebnisse… so wie Werner es gerne gehabt hätte!

 

4 Kommentare

  1. Ich denke gerne an Werner und wenn ich von dir lese, dann ist es für mich so, dass Werner immer noch da ist. Was er in gewisser Weise ja auch ist. Ich drück dich, Babsi

  2. Berührend geschrieben liebe Sissi! Bei allem Unglück hatte Werner Glück, in diesen schweren Stunden so eine liebevolle Familie zu haben! Ich wünsche dir und euch alles Gute weiterhin! Claudia

    1. Danke liebe Claudia, ja, es war eine furchtbare Zeit für uns alle… zum Glück hat Werner, zumindest nach außen hin, seinen Humor nie verloren!

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.