Leukämie ist Scheiße! Teil 44

Der Mai geht so wie er gekommen ist – er schleicht unaufgeregt davon.

Die beste Sissi von allen ist die meiste Zeit im Garten, wo viel zu tun ist; nur mit Mühe gelingt es hin und wieder, sie zu Pausen zu animieren. In der Woche nach Pfingsten soll unsere neue Markise geliefert und montiert werden, da gibt es vorbereitend einiges zu tun: die alte muss abgeschraubt  werden, ebenso das Vordach und einige Beleuchtungskörper. Die Fassade schaut insgesamt nicht schön aus, einige teils große Löcher müssen geschlossen werden, ein Stück Stromleitung wird unter Putz verlegt. Und wie’s halt so ist – eine Arbeit zieht ein paar andere hinterher: die Holzverkleidung quer unter dem Dach gehört gestrichen, die griechisch-blauen Fensterumrandungen ebenso. Und wenn man schon dabei ist, und noch ein bissel eine Farbe im Töpfchen ist, finden sich garantiert noch andere renovierungsbedürftige Objekte. Meine geheime Hoffnung, die Beste würde vielleicht einmal was übersehen, hat keine Chance – Sissi sieht alles und gibt keine Ruhe.

Am 20. Mai, einem etwas windigen Samstag, kommt vereinbarungsgemäß Reginas Gefährte Allard. Mit an die 190 Zentimeter Höhe ist er der größte in der Familie und wurde daher von seiner Beinahe-Schwiegermutter herzlich eingeladen, zum Streichen des Holzes unter dem Dach anzutreten; ein oder mehrere Stück Marillenkuchen seien ihm dafür sicher. Freundlicher Weise beschränkte er sich nicht auf die höchste zu streichende Stelle, nämlich jene unter dem Giebel, sondern behandelt die gesamte Breite zuerst mit der Schleifmaschine und danach zwei Mal mit dem Pinsel. Ganz schön flink ist er, und patschert ist er auch nicht; dies war allerdings von vornherein klar, weil einen Patscherten hätte Sissi nicht um Hilfe gebeten und dafür den Marillenkuchen selber gegessen.
Bald war die Arbeit erledigt, und wir konnten uns der Jause und dem Plaudern widmen.

Der folgende Montag war der Beginn des sechsten Zyklus Vidaza – der Vergleichskampf zwischen Magnosolv (=Durchfall) und Zofran (=Verstopfung) konnte in die nächste Runde gehen. Das Magnesium hatte alsbald die Oberhand, und weil mir unerwarteter Weise die Chemo keine Übelkeit bescherte, ließ ich auch das Zofran weg. Die paar Krämpfe in den Händen wird der Winnetou aushalten, auch wenn er weder das Kalumet noch das Tomahawk ordentlich halten kann.
Die gewohnten Mangelerscheinungen führten in kurzen Abständen zu zwei Thrombo-Infusionen, in meinem Mund hatten sich unangenehme Blutblasen gebildet. Ery-Infusion war nur einmal erforderlich. Am 30. war der Spuk wieder zu Ende, der sechste Zyklus vorbei, die Buckelpiste auf meinem Bauch (das Ergebnis der 14 Spritzen) perfekt und ordentlich schmerzhaft, aber insgesamt alles ok.

Am Samstag 27.5. Vormittag hatte Erik den Test im Fach „Gesundheit und Soziales“ schriftlich abzulegen; am Nachmittag war eine Abordnung der Familie zur Jause im Garten (Petra, Norbert, Mona, Norbert-Opa). Mona war wie immer ganz, ganz lieb und mit den schon gewohnten Tätigkeiten leicht zu unterhalten.

Den Abend des folgenden Sonntags verbrachten wir im Volkstheater und erlebten „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing unter der Regie von Nikolaus Habjan, der auch das Puppendesign beisteuerte. Der jüdische Kaufmann Nathan verkörpert Humanität, Toleranz und Religionsfreiheit; ihm ist es vorbehalten, die drei monotheistischen Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam miteinander zu versöhnen, zumindest in seinem persönlichen Umfeld. Es ist äußerst bemerkenswert, in welch großem Umfang sich die Kernaussagen des alten Stücks in die Jetztzeit übertragen lassen…

Der Mai klingt mit einem weiteren wichtigen Test aus, den Regina für die Aufnahme in das Masterstudium abzulegen hat – toi toi toi!

 

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