Jagos Herbstfreuden

Gassi gehen ist Jagos Lieblingsbeschäftigung, besonders oder sogar im Herbst.
Lassen wir ihn ausnahmsweise selbst erzählen:

„Ein paar Wörter aus der Menschensprache verstehe ich schon, wenn ich will. Ein Zauberwort verstehe ich immer und folge immer ganz artig, es heißt ‚Gassi‘. Das heißt hinaus aus der geschlossenen Abteilung, dorthin wo ich meine Markierungen setze, mich meiner Verdauungsendprodukte entledige, wo es unendlich viele Gerüche zu beschnuppern gibt, wo ich Freunde treffe, Böslinge anknurre und Uninteressante ignoriere. Bei ‚Gassi‘ höre ich sogar auf den Unterrudelführer, der ansonsten nur für die Verabreichung von Zwischenmahlzeiten gut ist, zu denen er ‚Schmankerl‘ sagt. Die nehme ich aber nur dann von ihm, wenn ich mich nicht gerade dringend vor irgendetwas fürchten muss, und das kommt hin und wieder alle paar Minuten vor.
Er zieht mir eigenartige Sachen an, die ‚Halsband‘ und ‚Leine‘ heißen, und von denen ich noch immer nicht begriffen habe, wozu sie gut sind, aber für ‚Gassi‘ nehme ich das in Kauf.
Neuerdings darf ich immer erst hinter ihm zur Tür hinaus, muss auf der Straße hinter ihm oder bestenfalls neben ihm gehen und darf nicht an der Leine ziehen, bevor wir nicht im nahegelegenen Park angekommen sind. Unsitten das.
In jüngerer Vergangenheit war ich nicht so erfreut beim Gassi gehen, weil es so heiß war, dass ich geschwitzt hätte, wenn ich das könnte. So aber konnte mich nur die heraushängende Zunge etwas erleichtern und ich musste dauernd etwas saufen.
Jetzt ist es gerade super. Nicht kalt, nicht heiß, ein paar Sonnenstrahlen wärmen, ein leichtes Lüfterl weht, es ist trocken, und das Beste: es liegt ungeheuer viel Laub im Park. Laub, das sind Blätter, die von Bäumen heruntergefallen sind, und die so viele interessante Gerüche verströmen. Angeblich sind sie sonst grün und jetzt nicht mehr, aber das ist mir egal, weil ich nicht so genau weiß, was Farbe eigentlich sein soll. Außerdem kommen wir Hunde auf Bäumen eher selten vor.
Wie gesagt, Laub ist super, da lasse ich sogar den sonst heißgeliebten Efeu links liegen, weil den gibt es ja immer, und der ganze Herbst ist super.
Aber hallo, was ist denn jetzt los? Aus dem Lüfterl ist Wind geworden, da bewegen sich Sachen so ruckartig, dass ich mich erschrecke, das gefällt mir weniger! Jetzt schieben sich auch noch Wolken vor die Sonne, und es wird so finster, nicht gut. Spüre ich da nicht Wasser vom Himmel fallen? Wasser, das kann ich nicht leiden, außer zum Saufen, ich muss mich schütteln. Jetzt wird auch noch das herrliche Laub feucht und gatschig, und ich kriege nasse Füße, wie schrecklich!
Der ganze Herbst kann mir gestohlen bleiben, komm, Rudelunterführer, gehen wir nach Hause, solange ich nass bin, da dufte ich so herrlich, dass alle anderen daheim auch eine Freude haben“.

Soweit Jago, der Wankelmütige, der Wasserscheue. Kaum zurück, stürzen sich alle mit gerümpfter Nase auf ihn, wischen ihn trocken und sprechen dem Bedauernswerten Mut zu. Vielleicht gibt es sogar ein paar Schmankerln, und er darf zu Regina oder Erik aufs Sofa – die Hundewelt ist wieder in Ordnung.

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